‘House of Corona’ oder eher ‘House of Hauptstadt-Flughafen’?

Ein Rant gegen die Politik in Zeiten von Corona

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— Vorhergehender Artikel 1 hier, und die Artikel 3 hier, 4 hier & 5 hier.
Die aus dieser Artikelserie entstandene Vorbereitung einer Verfassungs
­be­schwer­de ist hier zu finden —

Zur Einordnung nochmal vorweg: ich bin ein peinlicher (sagt meine Tocher seit neuestem) Familienvater aus Hamburg, und wundere mich, in welche Schubladen ich gesteckt werde: vor einiger Zeit war ich noch Teil der linksgrün-versifften Bildungs-Bourgeoisie, aktuell gehöre ich zu meinem Erstaunen und gegen meinen Willen anscheinend zu den Reichsbürgern, Impfgegnern, der AFD, der FDP und den Verschwörungstheoretikern.

Eigene Einschätzung: #Team Püschel #Team Streeck

— Hinweis: Links sind nur unterstrichen, nicht zusätzlich farbig—

Die Situation ändert sich täglich, was auch immer das heißt. Die Zeitwahrnehmung ist zwar nicht mehr ganz so gestört wie in den Jahren zwischen Mitte März und Ostern 2020, aber immer noch viel zu weit weg von normal und viel zu nah am ‘new normal!

Dringend Zeit, nachzudenken.

Letzte Woche habe ich mich hier über die Medien ausgelassen, die meiner Meinung nach insgesamt einen katastrophal schlechten Job machen.

Schlimmer noch als die Medien finde ich die Politiker.

Die spannende Frage ist nun: handelt es sich hier — wie vielfach befürchtet — um finstere Machtpolitik à la Frank Underwood, oder eher um planlosen Aktionismus, zubereitet nach Art ‘hauptstadtflughafenbauende deutsche Bürokratie’?

Aus meiner Sicht ist es das Letztere.

Aber auch in dem Zwiespalt zu Wissen, daß es uns hier in dieser Krise besser geht als vielen Menschen in den meisten Ländern der Welt, ist die Vorgehensweise der Regierung noch sehr kritikwürdig:

Im Einzelnen:

1. Was müsste die Politik sinnvollerweise tun?

2. Was tut die Politik stattdessen derzeit?

3. Das Problem der Regierenden mit der Verfassung

— und als ein ergänzender Blick in die andere Richtung:

4. Ein Blick auf die Verschwörungstheorien

1. Was müsste die Politik sinnvollerweise tun?

Sich einen belastbaren Überblick verschaffen, um der Situation wieder Herr zu werden. Dazu gehören zuallerst und unabdingbar Antworten auf u.a. folgende Fragen:

  • Wie hoch sind die Infiziertenzahlen? Wie hoch ist die ‘Dunkelziffer’?
  • Wie dynamisch ist das Infektionsgeschehen?
  • Wie ist das Verhältnis von Erkrankten zu Infizierten?
  • Was sind die genauen Todesursachen der Covid-19-Toten?
  • Wie hoch ist die Sterblichkeitsrate?

2. Was tut die Politik stattdessen derzeit?

Ich erlaube mir, das Robert-Koch-Institut (aufgrund seiner Stellung als “zentrale Bundeseinrichtung auf dem Gebiet des Infektions­schutzes“) und ‘die Politik’ in einen Topf zu werfen. Mit ‘offiziellen Zahlen’ sind jeweils die des RKI gemeint.

Infiziertenzahlen und Dunkelziffer der Infizierten

Die offiziellen Infiziertenzahlen sind aktuell die bekanntesten Zahlen in Deutschland. Derzeit etwa 180.000.

Die tatsächlichen Zahlen sind unbekannt bzw. finden in den Medien kaum Erwähnung. Die echten Zahlen zu kennen, wäre aber für die Ermittlung der Sterberaten (IFR und CFR), somit der Gefährlichkeit des Virus, und für die Festlegung von Maßnahmen und für Folgenabschätzungen äußerst wichtig.

Ehrgeiz seitens der Verantwortlichen, diese zu ermitteln, um eine bessere Kenntnis der Lage zu erlangen, finde ich auch viele Wochen nach Beginn der Epidemie im Land nirgends.

Eine Studie der Uni Göttingen von Anfang April kommt zu dem Ergebnis, daß nur etwa 9% bis 15% der Infektionen durch Tests erkannt werden. Dies bedeutet berechnet für Ende Mai 1,2 bis 2,0 Millionen Infizierte in Deutschland!

Die weitaus bekanntere Heinsberg-Studie kommt Anfang Mai zu dem Ergebnis, daß derzeit mit ca. 1,8 Millionen Infizierten zu rechnen ist.

Solche Ergebnisse und die sich daraus aufdrängenden Fragen werden in den Medien kaum und von den Politikern gar nicht thematisiert.

Stattdessen gibt es zu den hohen Zahlen die in den Studien ermittlt wurden, Schlagzeilen, die versuchen, diese wieder ‘einzufangen’. Zum Beispiel:

Screenshot (ohne social media buttons) von www.tagesschau.de/investigativ/swr/heinsberg-studie-103.html

Die Heinsberg-Studie hat demnach wegen eines groben Rechenfehlers nur eine geringe Aussagekraft.

Im Text dieses Artikels heißt es, dieser Rechenfehler bedeute, die Zahl der Infizierten liege “wahrscheinlich bei mindestens knapp einer Million, könne aber auch bis zu fünf Millionen Menschen umfassen”.

950.000 bis 5.000.000 Infizierte haben eine “mindere Aussagekraft” als 1.800.000 wenn die offiziellen Zahlen am 07.05. (Datum des Beitrags auf tagesschau.de)168.507 betragen?

Dabei schreibt auch das RKI im Steckbrief zur Coronavirus-Krankheit-2019 unter Punkt 13 Untererfassung¹: “Somit wäre die Anzahl an Infizierten um einen Faktor 20 bzw. 11 größer als angegeben”.

¹ — die Nummerierung der Fußnoten ändert sich regelmäßig, es geht um den Punkt Untererfassung, ehem. Nr. 10 mittlerweile Nr. 13 —

Das bedeutet aktuell 1,9 bis 3,6 Millionen Infizierte in Deutschland — laut den Zahlen des Robert-Koch-Instituts.

Das englische Wissenschaftsmagazin nature.com gibt die Dunkelziffer übrigens mit dem Faktor 50 an…

Wie ist also der aktuelle Stand?

Wir hören jeden Abend eine offizielle Zahl, die zusammen mit anderen zur Begründung der massiven Grundrechtseingriffe und erheblichen Maßnahmen genannt wird. Jede davon abweichende Zahl wird massiv in Zweifel gezogen; dabei nennt das ‘Kleingedruckte’ des RKI genau die gleichen abweichenden Zahlen, die aber in der öffentlichen Darstellung gar nicht existieren.

Ist das schlau? Ist das transparent? Oder leistet das dem Mißtrauen Vorschub, und bereitet gar den Verschwörungstheorien den Boden? Ist das angesichts der Einschränkungen gleich mehrerer Grundrechte angemessen, die Zahlen so unklar zu halten — während sie natürlich als glasklar verkauft werden?

Dynamik des Infektionsgeschehens

Die Dynamik des Infektionsgeschehens ist innerhalb der offiziellen Zahlen ganz gut bekannt. Nimmt man die obigen Ausführungen hinzu, mag jede Angabe einer erfassten Dynamik erst einmal irrelevant erscheinen.

Aber die Dynamik kann trotzdem noch richtig erfasst werden: teste ich immer gleich viele Menschen zu wenig oder zu viel, geben die jeweils gleich falschen Zahlen dennoch die (einigermaßen) richtige Steigerungsrate an.

Als wir alle merkten, das wir uns exponentielles Wachstum nicht gut vorstellen können, hat die Politik die Steigerungsrate zunächst mit der Verdoppelungsdauer der Infiziertenzahlen angegeben. Klar und verständlich.

Lob hierfür von der Presse, dem ich mich anschließe!

Nachdem wir flatten-the-curve gelernt haben, und die Verdoppelung der Fallzahlen nicht nur (wie Frau Merkel am 28.03. als Ziel ausgab) von 3 auf 10 Tage gedrückt, sondern auch die von Kanzleramtsminister Braun erhöhten ‘12 bis 14 Tage’ geschafft haben, betrat die Reproduktionszahl R die Bühne.

(In gewohnter deutscher Gründlichkeit haben wir übrigens die Verdoppelungsdauer mittlerweile — fast unbemerkt auf ca. 300¹ (in Worten: dreihundert!) Tage gequetscht.) [¹UPDATE vom 05.06., am 24.05 noch: 200]

Ich bin fast geneigt zu sagen: die Dynamik des Infektionsgeschehen nähert sich dem Tempo der Fertigstellung des Hauptstadt-Flughafens!

Es gibt aber auch hier —wieder Pandemie, nicht Flughafen — viele Fachdiskussionen: Einerseits über die täglich neu erfassten Fälle, inwieweit sich diese durch erhöhte Testungen ebenfalls erhöhen oder auch die berechnete Schätzung der Reproduktionszahl R.

Ein Blick auf deren Berechnung mittels der vom RKI zum Download angebotenen Excel-Datei zeigt, daß diese in einem Verfahren aus den letzten vier Tagen und deren Verhältnis zu den fünf bis acht Tagen davor berechnet wird:

Screenshot aus der Excel-Datei R-Beispielrechnung.xlsx / einige Spalten ausgebletet/ Link dazu im Text oben

Das heißt aber auch, daß — zwar schon teilweise heraus-geglättet und nur noch mittelbar — die Wochen-Arbeitstage der Gesundheitsämter immer noch einen Einfluß auf den Wert R haben!

https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/Ausgaben/17_20.html

Und es geht noch weiter: zu dem Wert R schreibt das RKI im Epidemiologischen Bulletin 17/20 vom 23. April auf Seite 15 daß die Reproduktionszahl R aufgrund der ausgeweiteten Tests “das reale Geschehen etwas überschätzt”. Und eine rechnerische Korrektur ist “nicht ohne weiteres möglich”.

Wie bitte? Die Zahl R, deren statistische Schwankungen von 0,irgendwas zu 1,13 schon zu mahnenden Worten und Warnungen vor zweiten Wellen seitens der Medien und Politiker führen, überschätzt laut Robert-Koch-Instititut das reale Geschehen?

Und es ist leider nicht ohne weiteres möglich, den Fehler zu korrigieren? Kann ich bitte meine Steuern zurückhaben?

Verhältnis von Erkrankten zu Infizierten

Interessiert niemanden. Warum eigentlich nicht? Jemand, der beruflich damit zu tun hat, sagte neulich, (ich weiß leider nicht mehr wer, wann oder wo), diese Unterscheidung, also die von Erkrankten und Infizierten, ist Grundwissen der Virologie. Kann man gar nicht nicht beachten! Darf man auch nicht nicht beachten! Also in normalen Zeiten.

Das Verhältnis nicht zu kennen, und diese Unkenntnis nicht auch mit aller Kraft zu beseitigen, ist in einer Epidemie mindestens grob fahrlässig!

Die genauen Todesursachen der Covid-19 Gestorbenen

Hier werde ich gerade beim Schreiben von der Realität überholt, daher nur ein kurzes was bisher geschah:

RKI: “Autopsien sollten vermieden werden.” (lt. tagesschau.de am 21.04. war dies bis zweite Aprilwoche die Empfehlung auf der webseite rki.de)

DZL: “das ist befremdlich” (DZL=Deutsches Zentrum für Lungenforschung)

BDP: “das ist ein Lapsus” (BPD=Bundesverband deutscher Pathologen)

UKE: “der Goldstandard für die Erforschung einer solchen Krankheit ist die Untersuchung der [Toten]” (UKE=Universitätsklinikum HH-Eppendorf)

Das RKI löscht daraufhin die Empfehlung von seiner Webseite, der Hamburger Rechtsmediziner Püschel untersucht am UKE weiter die Todesursachen. Ergebnis: Covid-19 verursacht Blutverklumpungen, dies führt zu Thrombosen und in der Folge zu Lungenembolien. Therapieempfehlung: Blutverdünner!

SPIEGEL: “Die wahrscheinlich wichtigste Erkenntnis der vergangenen Wochen: Blutverdünner könnten Leben retten.

Sterblichkeitsrate

In den Nachrichten und den allgegenwärtigen Übersichten sehen wir Tote: derzeit gut 8.000, bald 8.500. Infizierte: die oben genannten ca. 180.000.

Das Verhältnis* beträgt also 4,65%.

(* hier und im Folgenden rein mathematisch als Anteil Tote geteilt durch Infizierte. In der Epidemiologie wird unterschieden nach Mortalität, Morbidität, Lethalität. Dazu kommen noch Inzidenz und Prevalenz. Puh. Gut erläutert hier auf aerzteblatt.de)

Oder aber nur 0,88% (anhand der unteren Infiziertenzahl der von der Tagesschau korrigierten Heinsbergstudie, s.o.)

Oder nur 0,46% (anhand der per Zeitverstreichen jetzt veralteten Infiziertenzahl aus der o.g. Heinsberg-Studie; die dort genannte Rate lautet 0,37%)

Oder sogar nur 0,23% (anhand der oberen Infiziertenzahl die das RKI für möglich hält, s.o., weitere verschiedene %-Angaben vom RKI siehe hier¹)

¹ — bitte beachten: der hier verlinkte ‘Steckbrief’ des RKI hat Fußnoten, die ständig weiter aktualisiert werden, die Zahlen sind unter dem Punkt ‘Untererfassung’ zu finden, dieser war mal Fußnote Nr. 10, mittlerweile Nr. 13 —

Oder sogar nur 0,17% (anhand der oberen Infiziertenzahl der von der Tagesschau korrigierten Heinsbergstudie, s.o.)

Kann sich bitte mal ein Fachmann um die Zahlen kümmern?

Influenza hat übrigens eine Rate von ca. 0,1%.

Währenddessen arbeitet unser Gesundheitsminister weiter mit den offiziellen Zahlen, die, wie oben gezeigt, von allen im Raum stehenden, sicher am weitesten von der Wahrheit entfernt sind. Warum tut er das?

Aus falsch verstandener Fürsorge? Aus Sorge, die Zahlenkönnten die Bevölkerung verunsichern’?

Weil von Beginn an mit den Zahlen des RKI gearbeitet wurde? Und weil ein Politiker, seine Meinung (hier: seine Quellen) nicht öffentlich ändert?

Weil sein Beruf zu weiten Teilen darin besteht zu sagen: das eine ‘müsse’, das andere ‘dürfe nicht sein’, und alles was er tue, sei natürlich ‘alternativlos’, und daß ihm — nach Jahren der Übung — andere Gedanken nicht mehr einfallen?

Das ergibt alles keinen Sinn. Jedenfalls nicht, wenn man sich einen Überblick über das Ausmaß der Infektionen verschaffen will.

Woran also liegt es? Ich weiß es nicht.

Woran kann es liegen? Ich fürchte so sehr, wie ein Dübel die Eröffnung des Hauptstadt-Flughafen am Ende nochmals hinausgezögert hat, so kleinteilig muß man auch hier in der Corona-Pandemie gucken: es ist schlicht die deutsche Bürokratie, die einfach Ihre Probleme mit der Realität hat!

Das Neue ist, daß diesmal nicht unsere Steuergelder draufgehen, sondern Menschen. Ihre Leben, Ihre Existenzen, Ihre Zukunft.

3. Die Probleme der Exekutive mit der Verfassung

Als wäre die Komplexität der Lage nicht schlimm genug, kommt den Politikern mal wieder das geltende Recht in die Quere und hindert sie am Handeln!

Politiker tun sich bekannterweise schwer mit dem Grundgesetz (das ist anscheinend deren default-Einstellung): Stört. Nervt. Hindert.

Das führt dann immer wieder zu so Jahrmarktsideen wie ‘Supergrundrecht Sicherheit’; rechtlich so durchdacht wie der Straßenverkehrskontrolle zu erklären, ‘die beiden Schilder vor der Baustelle eben, 120km/h+80km/h macht doch 200km/h!’.

Und dann haut der bayrische Ministerpräsident im Fernsehen kürzlich Sätze raus wie: Die Demonstranten hätten “Sorgen, die ja zum Teil überhaupt nicht berechtigt sind. Wir haben ja keinen Eingriff mehr in Grundrechte, wir können uns ja im Land völlig frei bewegen.” (ARD Extra, 18.05.2020 20:15 ab 7:49 min in der Sendung) — Words fail me.

Dem Moderator fehlten auch die Worte, wobei es sein Job gewesen wäre, darauf zu reagieren: mit Schreien oder Lachen und nach bayrischer Art auf die Schenkel klopfen, oder so!

Unfassbar! Und in dem Tenor geht es überall weiter.

Aber — man glaubt es kaum — ich bin dennoch guter Dinge! Der Rechtsstaat mag langsam sein, vielleicht auch zu langsam für so eine Krise, aber er lebt:

Hören wir doch mal jemanden, der mehr Ahnung davon hat als ich:

Robert Seegmüller, Vorsitzender des Bundes Deutscher Verwaltungsrichter, sagt im Interview mit der Zeitung Die Welt am 06.Mai:

Seegmüller: “Wenn die Gefahr im Nebel schwer erkennbar ist, dann darf man als Gesetzgeber auch mal mit der Schrotflinte schießen. Aber die Verfassungsrechtsprechung verlangt, dass der Staat den Nebel aktiv lichtet, um klarer zu sehen, was Sache ist. Wie ist es denn nun genau mit der Sterblichkeit? Mit dem Risiko, dass Krankenhäuser überfordert werden? Je mehr wir über die Krankheit […] wissen, umso zielgenauer muss der Gesetzgeber handeln. […]”

Welt: “[Kanzleramtminister Helge Braun sagt] bei dem derzeitigen Versuch der Öffnung des Alltagslebens könne es nicht immer absolute Gleichberechtigung geben […] Überzeugt sie das? “

Seegmüller: “Nein, das überzeugt mich nicht. Auch in der Krise gilt die Verfassung. […] Wenn Helge Braun […] die Entscheidungen der Gerichte als Herausforderung seiner exekutiven Autorität ansieht, widerspreche ich ganz entschieden. […] Die Justiz kontrolliert die Exekutive und ihre Rechtsakte. […] mit der Verfassung kann man nicht verhandeln. Sie ist zu befolgen, auch in der Krise. Das Grundgesetz beschreibt den Handlungsspielraum des Gesetzgebers abschließend. […]

Das bedeutet dann, unser Staat kann manche Risiken nur minimieren, aber nie ganz ausschließen. Es gibt dann Infektionsrisiken, die sind von Verfassungs wegen hinzunehmen. […]

Grundsätzlich muss eine staatliche Maßnahme einen legitimen Zweck verfolgen. Hier ist das der Infektionsschutz. Und dann muss sie geeignet, erforderlich und angemessen sein, diesen Zweck zu erreichen. […]

Bei der Erforderlichkeit ist zu überlegen: Gibt es geeignete, mildere Maßnahmen, den verfolgten Zweck genauso gut zu erreichen? Also beispielsweise Hygieneauflagen statt Ladenschließungen. Und schließlich die Angemessenheit. […Das Distanzgebot, 1,5 Meter] basiert auf der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass Infizierte ihre Viren üblicherweise in einem Radius von etwa anderthalb Metern um sich herum verstreuen. Das ist eine Maßnahme, der ich unterstellen würde: Sie verfolgt den Zweck, das Infektionsrisiko zu senken. Und sie ist geeignet, erforderlich und angemessen, dieses Ziel zu erreichen, also verfassungsrechtlich zu rechtfertigen.

Wenn der Gesetzgeber aber darüber hinaus noch weitreichende Kontaktverbote verhängt — dann muss man sich spätestens bei der Angemessenheit natürlich fragen, was das an zusätzlichem Schutz eigentlich noch bringt. Und da trägt der Gesetz- oder der Verordnungsgeber die Begründungslast. Er muss das überzeugend darlegen. […] Der Staat muss zu jeder Zeit darlegen, warum Maßnahmen weiterhin gerechtfertigt sind. Deswegen ist er auch nicht frei bei der Gestaltung der Öffnung oder Lockerung.“

So wie es aussieht, müssen diese Einsichten der Regierung erst noch per Verfassungsgerichtsurteil zugestellt werden, aber die erforderlichen Klagen sind ja schon mal angeschoben.

Das sind gute Nachrichten, finde ich!

Ähnlich wie Seegmüller äußert sich auch Udo di Fabio, ehemaliger Richter (bis 2011) am Bundesverfassungsgericht in einem Interview mit der Zeitung Die Welt am 04.Mai:

“Der „Lockdown“ ist in seiner Breite der massivste Grundrechtseingriff in der Geschichte der Bundesrepublik. […]

Das Grundgesetz kennt keinen Ausnahmezustand, der es erlauben würde, die Grundrechte außer Kraft zu setzen. […]

[…] In der ersten Phase der gegenwärtigen pandemischen Infektionslage breitet sich ein unbekanntes Virus mit exponentiellen Zuwachsraten aus, […] es drohen massive Schäden an Leben und Gesundheit. In dieser Phase eins des aktuellen Infektionsgeschehens, der Katastrophenphase, mussten Verhältnismäßigkeitsabwägungen […] zurücktreten.
[…Wir] befinden uns nun in einer zweiten Phase der erhöhten epidemischen Gefahrenlage. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass eine exponentielle Ausbreitungsgeschwindigkeit nicht mehr feststellbar ist und medizinische Versorgungskapazitäten als ausreichend angesehen werden können, […] In dieser zweiten Phase kommen die Grundrechte wieder stärker zur Geltung. [Auch wenn manch einer dies] politisch oder epidemiologisch bedauern [wird…]. Während in der bereits hinter uns liegenden Katastrophenphase praktisch nicht abgewogen, sondern „nur“ entschlossen gehandelt werden musste, kommt es jetzt auf politisch konzeptionelle Gesamtabwägungen an.

[…] kein Virologe oder Immunologe kann entscheiden, welche Folgewirkungen bei einem fortgesetzten Lockdown gesellschaftlich hingenommen werden sollen. […]

Es gibt einen absolut geltenden Würdeschutz, aber das menschliche Leben gilt nicht absolut, obwohl es eines der Höchstwerte der Verfassung ist. Der Staat schuldet ein bestimmtes — hohes — Maß an Lebensschutz, aber keinen absoluten.

Der demokratische Verfassungsstaat hat die Aufgabe, Freiheit und Sicherheit in der Balance zu halten […und] um der Freiheit willen bestimmte Risiken und daraus resultierende Schäden — unschön als „sozialadäquat“ beschrieben — hinzunehmen.
Wenn eine Lockerung nach aktuellem epidemiologischem Wissensstand vertretbar ist, dann kann diese Lockerung auch zugleich verfassungsrechtlich geboten sein, um intensive Freiheitsbeschränkungen abzubauen.”

Das deckt sich auch noch nicht so richtig mit der Lage im Land, aber seine Ausführungen machen mir Hoffnung, das hier — leider langsam, aber gründlich — einige Dinge bald wieder gerade gerückt werden.

4. Ein Blick auf die Verschwörungstheorien

Zuerst einmal das Grundsätzliche:

Die Frage nach Erfordernis und Notwendigkeit von Verschwörungstheorien wurde m.E. von den Philsophen Calvin und Hobbes bereits abschließend erkenntnisphilosophisch geklärt:

I’M NOT SURE MAN NEEDS THE HELP ‘ — The Calvin and Hobbes Tenth Anniversary Book — by Bill Watterson, Seite 161, ISBN 9780751515572

Dem schließe ich mich an.

Das mag jetzt “nur ein Comic” sein, aber ich sehe das ernsthaft so: Brauchen wir irgendeinen finsteren mächtigen Gegenspieler, um uns in die Scheiße zu reiten?

Nicht wirklich. Das kriegen wir auch so ganz gut hin.

Zum Politischen:

Ich sehe niemanden, der dazu in der Lage wäre…

Ein Frank Underwood würde die Zahlen nicht unklar halten, oder manipulieren, er würde sich die Zahlen ausdenken!

Und er wäre mit den Hygiene-Demos nicht zufrieden! Er würde von seinen Schergen und Gehilfen verlangen: Mehr! In jeder Stadt! Jeden Tag!

Dann das Praktische:

Was soll eine Verschwörungstheorie denn bringen?

Nehmen wir nur mal die am wenigsten abstruse: das Virus stammt aus einem Labor in Wuhan. Was eine elende Katastrophe wär das! Ändert das irgendwas an dem was wir jetzt tun müssen?

Nein.

Ändert das was an unserem Bewußtssein dafür, daß wir als Menschen nicht so mit der Erde umgehen, wie wir sollten?

Ja, und zwar eher zum schlechteren!

Denn es gibt ja einen Grund — die Katastrophe im Labor — auf den wir gebannt starren.

Dabei es gibt so viele Aspekte unseres Lebens auf diesem Planeten, die wir dringend ändern müssen, daß alleine die, die mittelbar und unmittelbar Epidemien und Pandemien auslösen oder begünstigen schon genug Aufmerksamkeit und Energie fordern:

Die massive Abholzung der Wälder wird zu mehr Dynamik bei Krankheiten führen, die für den Menschen gefährlich sind. The Scientist (Jan. 19)

Die Massentierhaltung ist ein Nährboden für VirenThe Guardian (März 20)

Wenn wir der Natur weiter auf die Pelle rücken, werden noch öfter Viren von Tieren auf den Menschen überspringenLe Monde Diplomatique (März 20)

Im Ergebnis kann man sagen, wir haben die Pandemie selber gemachtNew York Times (Januar 20) und The Guardian (April 20)

und aktuell sind Schlachthöfe der Hort des GrauensUpton Sinclair (1906)

Das die Behebung, Beseitigung oder Bekämpfung dieser Probleme auch gleich ein paar Ursachen des Klimawandels beseitigen, kann man dann erfreut als Synergieeffekt verbuchen.

Ich habe beschlossen, daß ich mir für Verschwörungstheorien keine Zeit nehme.

Und die, die sich die Zeit dafür nehmen, möchte ich fragen, ob Ihre Energie woanders nicht mehr Gutes bewirken würde.

Und ob Ihre Laune bei anderen Dingen nicht besser wäre.

Man kann sich im dritten Jahrtausend auch für manche Dinge — auch die, die einem schwerfallen — bewußt entscheiden.

Zum Beispiel auch etwas nicht nur auszuhalten sondern aktiv zu gestalten.

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