Was wäre die Lösung?

Ein Übersicht über den Kenntnisstand zum und die Maßnahmen gegen das Corona-Virus — Stand 19.09.2020

Eine Menge schlauer Köpfe mit einer Menge richtig guter Ideen, was zu tun wäre!

Dieser Artikel ist der Vierte in einer mittlerweile fünfteiligen Serie.
— Die aus dieser Artikelserie ent
­stand­ene Vorbereitung einer Ver­fas­sungs­be­schwerde ist hier zu finden.

Zur Einordnung nochmal vorweg: ich bin ein ziemlich hobbyloser (sagt meine Tocher besorgt) Familienvater aus Hamburg, und wundere mich, in welche Schubladen ich gesteckt werde: vor einiger Zeit war ich noch Teil der links­grün­-versifften Bildungs-Bourgeoisie, aktuell gehöre ich zu meinem Erstaunen und gegen meinen Willen anscheinend zu den Reichsbürg­ern, Impfgegnern, der AFD, der FDP und den Verschwörungstheo­retik­ern.

Eigene Einschätzung: #Team Püschel #Team Streeck #Team Ioannidis

— Hinweis: Links sind hier nur unterstrichen, nicht zusätzlich farbig —

— noch ein Hinweis: die Auswahl der Quellen war der schwierigste Teil. Nicht nur habe ich diese so stark gekürzt, daß es schon an Miß­hand­lung des geistigen Ei­gen­tums grenzt, auch sind hier (vor allem in Kapitel 2) wesentlich mehr Quellen weg­gelassen als zitiert.
[Die Quellenangaben habe ich nach unten ans Ende des Artikels verschoben]
Ich hoffe, meine Auswahl hat das aller
­wicht­ig­ste be­rück­sichtigt, denn dieser Text hat so immer noch etwa eine knappe Stunde Lesezeit (medium.com übertreibt hier mit den 80 Minuten)—

— und noch ein Hinweis: wer mag, möge die Zitate (schwarzer Balken links) über­fliegen, und nur dann ganz lesen, wenn die daraus abgeleiteten Aussagen gar zu unglaublich sind. In Kapitel 1 (Vergangenheit, bis 2019) kommen zuerst die Kern­aus­sag­en, dann das Zitat, in Kapitel 2 (Gegenwart, ab 2020) ist es anders herum—

Meckern kann jeder!

— Hab ich in den ersten drei Artikeln ausgiebig getan.

Daher heute mal aus­schließ­lich konstruktiv:

Was wäre die Lösung?

  1. Als Kurzform von: welche verschiedenen, erprobten, mit Erfahrung und Stu­di­en unterlegten, in Ihrer Wirksamkeit nachgewiesenen (hier haupt­säch­l­ich:) nicht pharmazeutischen Maßnahmen als Lösungs­an­sätze zur Ein­däm­mung und/oder Bekämpung der Corona-Pandemie gibt es für die ver­schied­en­en gesellschaftlichen Bereiche nach derzeitigem Kennt­nis­stand?
  2. Um nicht in die hinterher-ist-man-immer-schlauer Falle zu laufen unterscheide ich hier nach:
  • a) was wußte¹ man² vor 2020 schon,
  • b) was wußte¹ man² im Frühjahr, was im Frühsommer diesen Jahres,
  • c) was weiß¹ man² heute.

¹ weiß’ und wußteebenso wie hätte man wissen müssen

² man’ hier beschränkt auf die Wissenschaft und die Entscheidungsträger der Politik — eigentlich meint ‘man‘ umgangssprachlich ja alle:man’ weiß ge­mein­hin daß, was man durch leichten oder intensiven Konsum von Nach­richt­en erfährt. Da ‘die Medien’ ³ sich im Frühjahr aus vielen ihrer Ver­ant­wort­ungen verabschiedet ha­­ben, weiß man eben leider nur das sicher, was man sich an In­for­ma­ti­on­en sel­ber besorgt. [Und noch eine Fußnote:]

³die Medien’ meint die großen Medienhäuser, die auf­grund Ihrer Reich­weite und Stellung als Leitmedien eine Definitionsmacht für den öffent­lichen Diskurs haben.

Inhalt des Artikels:

Wie war der Kenntnisstand hierzulande, als das Corona-Virus Europa er­rei­chte?

Was wusste man vorher schon, was wissen wir seitdem?

Was hätte man wis­sen müssen, und — am spannendsten — was weiß die Wissen­schaft mitt­ler­weile, was wird aber von der Politik hartnäckig ig­no­riert?

1. Das Wissen über Viren und Epidemien -und der Maßnahmen dagegen- vor 2020

2. Das Wissen über Viren und Epidemien -und der Maßnahmen dagegen- in 2020

3. Stand der verfassungsrechtlichen Bewertung der Maßnahmen

1. Das Wissen über Viren und Epidemien — und der Maßnahmen dagegen — vor 2020

Der MDR schreibt am 11.04.2020 ‘Corona: Eine Krise mit Ansage:

“Pandemie-Szenarien wurden erstellt, man weiß, dass es Corona-Viren gibt, die aggressiver sind als alle früher. Erst SARS 2003, dann MERS 2012. Hätten man wissen müssen, was auf uns zukommt? […] 2012* hat die Bundes­re­gier­ung ein Krisen-Szenario erstellt und durchdekliniert, inklusive der Maß­nahm­en, die im Fall einer Pandemie mit einem neuartigen Corona-Virus zu treffen seien. Wer das liest, stellt fest: Wir sind keinesfalls ahn­ungs­los in diese Pan­demie geraten. Es war eine Krise mit Ansage, wenn sie auch nicht mit dem aktuellen SARS-Virus erstellt wurde. Die fiktive Pandemie mit dem Virus “Modi-SARS” ähnelt in vielen Punkten der aktuellen Lage, im Seuch­en­verlauf, in den Engpässen bei Arzneimitteln, Des­in­fektions­mittelen, Schutzkleidung.”

Die Fachpublikation MTA-dialog ergänzt am 23.04.2020 unter dem Titel ‘Auswirkungen der Corona-Pandemie hätten bekannt sein müssen’:

Wer also jetzt in der Öffentlichkeit betont, das sei nicht vorhersehbar gewesen, hat offensichtlich seine Hausaufgaben nicht gemacht, denn spätestens seit 2013 ¹ hätte es jeder wissen müssen!”

[¹ Die Ausarbeitung ist von Ende 2012, Veröffentlichung war am 03.01.2013, daher die verschiedenen Jahreszahlen]

— für alle Fälle nochmal: das ist kein hinterher-ist-man-immer-schlauer, sondern ein Bericht darüber, was bekannt war.

Es handelt sich hier um eine Unterrichtung des Bundestages durch die Bundes­regierung! — Und ich meckere nicht, ich zitiere.

1.1 Gehen wir zurück ins Jahr 2009

In diesem Jahr veröffentlicht das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) den ‘Guide to public health measures to reduce the impact of influenza pandemics in Europe’ [Quelle ¹], also einen “Ratgeber für öf­fent­liche Ge­­sund­heits­maß­nahm­en zur Ein­däm­mung der Auswirkungen von In­flu­­en­­za-Pan­­demi­en in Europa:

Ausschnitt vom Cover des Berichts des ECDC —Zitatschnipsel von Wikipedia

Das ECDC ist eine Agentur der Europäischen Union, um die Ver­hüt­ung und Kontrolle über­trag­bar­er Krankheiten in der EU zu verbessern.’ Gegründet 2004, mit der Aufgabe: ‘rechtzeitige In­for­ma­tion der Kommission, der Mit­glied­staaten, der Ge­mein­schafts­ein­richt­ungen, jedoch ohne Regelungsbefugnis.’

Die dort aus­ge­ar­beit­et­en Kern­aus­sagen sind:

  • Eine Pandemie erreicht Europa ca. ein bis drei Monate nach dem ersten Ausbruch in einem anderen Teil der Welt *¹
  • Es gibt eine Krankheits-Welle, die etwa drei Monate andauert *²
  • Es gibt mehr Unwissen als Wissen über die Wirksamkeit von Gegen­maß­nahmen *³
  • Modellrechnungen sind mit Vorsicht zu genießen, sie beruhen auf An­nahm­en, nicht auf Wissen *⁴
  • Eine Standard-Pandemie gibt es nicht, sie unterscheiden sich nach Er­reg­er, Schwere, [d.h. Sterblichkeit,] Ansteckungsrate, der bestehenden (ggfs. Kreuz-)Immunität (in der Bevölkerung) und der Anzahl der Wel­len *⁵
  • Diese vorgenannten Parameter bilden den Rahmen für die Gegenmaß­nahm­en, die aufgrund Ihrer Nebenwirkungen (noch) akzeptabel sind *⁶
  • Wenn sich die Pandemie auf eine bestimmte Altergruppe konzentriert, ist es sinnvoll, die Maßnahmen ebenfalls dort zu konzentrieren *⁷
  • Man sollte die Merkmale und Eigenschaften der Pandemie, welche nie­mals stat­isch sind, er­forsch­en, die Gegenmaßnahmen flexibel hand­hab­­en, und die Nebenwirkungen von Anfang an genau verfolgen *⁸
  • Pandemien ändern sich mit der Zeit und mit der Aus­breitung werden sie im Allgemeinen weniger schwer­wieg­­end *⁹
  • Epidemien betreffen nie alle Orte gleichzeitig auf die gleiche Weise *¹⁰
  • Epidemien breiten sich in Europa meistens von West nach Ost und von Süd nach Nord aus *¹¹
  • Schulschließungen sind nur bedingt sinnvoll und oft kontraproduktiv *¹²
  • Maßnahmen können abartige Nebenwirkungen haben *¹³
  • Die Wissenschaft ist sich uneinig, ob einfache Masken die Über­trag­ung­rate verringern oder sogar erhöhen *¹⁴
  • Die meisten Maßnahmen bieten keinen vollständigen Schutz, aber das wird nicht erwartet und ist auch nicht notwendig *¹⁵
  • Es gibt die Möglichkeit, alle Kinder und Jugendlichen für die Dauer der Pandemie zu Hause zu isolieren, aber derzeit scheint kein Land dies als Option zu sehen *¹⁶

Kaum zu glauben? Das ist 2009 Stand der Wissenschaft.

Dort wurde übrigens flatten-the-curve ‘erfunden’:

Ausschnitt von Seite 1 des Berichts des ECDC

Im Folgenden der Text zu den obigen Aussagen. Ich habe die Zi­ta­te über­setzt; den eng­lisch­en Text führe ich aufgrund der sonst ent­­­steh­­en­den Ge­samt­­länge dies­es Arti­kels im­­mer nur soweit an, wie er zum Auffinden im Do­ku­ment er­forderlich ist, die Fuß­not­en­num­mern ver­wen­de ich hier anders her­um als sonst, sie führen zu den Text­stel­­len der oben bereits zu­sammen­ge­fas­sten Kern­aus­sag­en:

“It can be presupposed that following … became affected.” [S. 9 oben]
“Es kann davon ausgegangen werden, dass nach dem *¹
Auftreten einer Pan­de­mie in einem anderen Teil der Welt diese sich nach einem Zeit­raum von 1 bis 3 Mon­aten […] nach Europa ausbreitet […] und in jedem be­trof­­fen­en Land *² die erste Welle nach ungefähr drei Monaten vorbei sein wird.”

“The scientific evidence on the effectiveness of the public health measures con­tains more gaps than certainties.” [S. 9 oberes Drittel]
*³ “
Die wissen­schaft­­lich­en Erkenntnisse zur Wirksamkeit der Maß­nahm­en im Be­reich der öf­fent­lichen Gesundheit enthalten mehr Lücken als Ge­wiss­heit­en.”

“It would be impossible to … are often just that - assumptions.” [S. 9 mitte]
“Es ist unmöglich, Studien prospektiv, in Abwesenheit einer Pandemie, durch­zu­führen, und sie sind während einer Pandemie nur sehr schwer durch­zu­führ­­en. […] *⁴
Die komplexesten Modelle können sich der Komplexi­tät und Viel­fält­igkeit selbst einfach organisierter Ge­sell­schaften nicht ein­mal an­näh­ern. Aussagen wie „Modellierungen hab­en eindeutig gezeigt, dass…“ müs­­sen da­her mit Vorsicht be­tracht­et werden. Die Aussagekraft von Mo­del­len ist ins­be­sond­ere durch Un­sich­er­heit­en von Werten in den Mo­dellen und wegen der An­nahm­en, die ge­trof­fen werden müssen, ein­ge­schränkt. So sind Annahmen wie „In­flu­en­za­­über­trag­ung wird gleichmäßig verteilt zwisch­en Haus, Ar­beits­platz und Schule sowie öffentlichen Orten statt­fin­den.“ oft genau das — An­nahm­en.”

“Pandemics are not standard … can be justified” [S. 10 oben]
*⁵ “
Es gibt keine Standard-Pandemien. Insbesondere unterschieden sich die von 1918/19, 1957 und 1968 in:
der Art der verursachenden Influenzaviren;
ihrer Schwere — der Anteil der Infektionen, die zu schweren Krankheiten oder zum Tod führen;
der Infektiosität und der Reproduktionszahl Ro;
der vorherigen (=bestehenden) Immunität und damit die am stärksten betroffenen und am stärksten übertragenden Gruppen; und
ob es eine oder mehrere Wellen gab.
Dies sind entscheidende Variablen. *⁶ Die Schwere einer Pandemie, ob sie leicht, mit­tel­schwer­ oder schwer ist, bestimmt, wie drastisch die Maß­nahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit sind, die gerechtfertigt werden können.

“Similarly, if transmission … countermeasures.” [S. 10 mitte]
“Wenn sich die Übertragung auf eine Altersgruppe konzentriert (wie 1957 bei jüngeren Men
­schen), kann es sich ebenfalls lohnen, sich auf *⁷ Maßnahmen für diese Altersgruppe zu konzentrieren. […]
Diese Tatsachen unterstreicht die Notwendigkeit von:
frühzeitige Bewertung der Merkmale von Pandemien;
Flexibilität bei den geplanten Maßnahmen;
• nationale Kommando- und Kontrollstrukturen, die eine schnelle Anpassung oder sogar Änderung von Strategien ermöglichen; und, wenn möglich,
frühzeitige Bewertung der Wirksamkeit und Wirkungen (positive wie negative) der Gegenmaßnahmen.”

“A further complication is … pan­demic reaches Europe.” [S. 10 mitte]
“Eine weitere Komplikation besteht darin, dass *⁸
die Merkmale der Pan­de­mie nicht statisch sind. *⁹ Pandemien ändern sich mit der Zeit und wenn sie sich aus­breiten, werden sie im Laufe der Zeit im Allgemeinen weniger schwer­wieg­­end. Dies liegt daran, dass sich diese RNA-Viren ständ­ig wei­ter­ent­wickeln und die Immunität in der Bevölkerung steigt. Wenn also der Schwe­­re­­­­grad — anderswo auf der Welt gemessen — hoch ist, wird es daher wicht­ig sein, die Messungen zu wiederholen, wenn die Pandemie Europa er­­reicht.”

“Influenza never affects all … West to East and South to North” [S. 10 unten]
*¹⁰ “
Influenza betrifft niemals alle Orte gleichzeitig auf die gleiche Weise. Dies wurde jedes Jahr im Rahmen des Europäischen Influenza-Über­wach­ungs­systems mit saisonaler Influenza beobachtet und gilt auch für eine Pan­demie. Selbst wenn die meisten Orte irgendwann stark be­trof­fen sind, wird dies nicht gleichzeitig ge­scheh­en, und eine Pandemie ist am besten als eine Reihe sich überlappender lokaler Epidemien zu ver­stehen. […] *¹¹ das Aus­breit­ungsmuster der saisonalen Influenza in Europa [ist*] am häuf­ig­sten von West nach Ost und von Süd nach Nord*.
[*Satzbau im Original anders]”

“It is self-evident that Europe … anyway.” [S.10-11]
Es versteht sich von selbst, dass Europa eine sehr vielfältige Region mit unterschiedlichen Be­völk­er­ungs­dichten, sozialen und rechtlichen Rahmenbedingungen […] ist. Daher gilt “eine Regel für alle“ [‘one size will fit all’] nicht für einige Maß­nahm­en im Be­reich der öffentlichen Ge­sund­heit. [Zum Beispiel] *¹² Schul­schließ­ung­en. Dies kann ins­be­son­dere in einigen verstreuten länd­lichen Gebieten und wei­ter­­führ­­enden Schul­en sinnvoll sein, in denen die Schulen wichtige Schwer­punk­te für die Ver­misch­ung junger Menschen []… sind. In dichten städt­ischen Ge­bieten, in denen viele Eltern mög­lich­er­weise eine Auszeit nehm­en müssen, um sich um die Kinder zu kümmern, und in denen es ohnehin schwier­ig sein wird, die Kontakte von Kindern untereinander zu stoppen, sind sie mög­lich­er­weise weniger sinn­voll und tatsächlich kontraproduktiv.”

Secondary, social and perverse effects[S.11 oberes Drittel, Kapitel­über­schrift!] *¹³ “Soziale und perverse Nebenwirkungen” [ — steht da wirklich!]

This concept, essentially looking … unacceptable” [S.11 oberes Drittel]
“Dies
­­­es Konzeptpapier, bei dem die wesentlichen Kosten, Risiken und Fol­gen der An­wendung der Maßnahmen untersucht werden, ist von hoher Be­deut­ung. Maß­­­nahmen, insbesondere die der sozialen Distanzierung, hätten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erhebliche un­be­ab­sichtigte Ne­ben­­wirkungen. Obwohl sie die [Virus-]übertragung ver­ringern können, würden sie insgesamt als negativ oder inakzeptabel beurteilt werden.”

Similarly, if schools are closed …children?” [S.11 oberhalb der Mitte]
“Wenn es Schulschließungen gibt, muss festgelegt werden, wie die Kinder
­be­treu­ung organisiert wird.”

Specialists differ in their view over whether general use of simple masks by the general public would increase or reduce transmission” [S.11 Mitte]
*¹⁴ “
Fach­leute sind sich uneinig, ob die Verwendung einfacher Masken durch die Öf­fent­­lich­keit die Übertragung[rate] erhöhen oder ver­ring­ern würde.

“Many of the measures are … unacceptable.” [S.12 oben]
*¹⁵ “Viele der Maß
­nahm­en können keinen vollständigen Schutz bieten oder es wird nicht von ihnen erwartet. Sie werden das Risiko verringern, aber nicht be­seit­ig­en. Dieser An­satz zielt darauf ab, die Auswirkungen auf die Be­völkerung ins­ge­samt zu ver­ringern. Dies ist besonders wichtig bei Maß­nahm­en mit er­heb­lich­en Ne­ben­wirkungen, bei denen eine vollständige Um­setz­ung ins­­g­e­samt inak­zept­ab­el sein kann.”

It was suggested that … option on a mass scale.” [S.13 unten]
“Es wurde auch vorgeschlagen […], dass Kinder und Jugendliche zu Beginn einer Pandemie durch Schul- und sonstige Schließungen an Kon
­takten unter­ein­ander ge­hin­dert werden sollten, und weiter *¹⁶ von ihnen verlangt wird, für die Dauer der Pandemie (d.h. drei Monate) zu Hause zu bleiben. Dies könnte in ein­ig­en Si­tu­ationen möglich sein, in den meisten jedoch nicht, und nach Folg­en­ab­wäg­­ungen scheint kein Land dies als Option in großem Maß­stab an­zu­seh­en.”

1.2 Acht Jahre später, März 2017

Das Robert-Koch-Instititut veröffentlicht seinen aktuellen Nationalen Pan­de­mie­plan [Quelle ²]. Für die Ergänzung vom 04. März 2020 siehe Kapitel 2.

Ausschnitt vom Cover des Nationalen Pandemieplans des Robert-Koch-Instituts — Nebenstehende Zitatschnipsel aus: Das neue Infektionsschutzrecht, S.77

Das RKI ist keine ‘unabhäng­ige wissenschaftliche Ein­richt­ung’ sondern eine ‘selb­ständ­ige Bun­des­ober­be­hörde unter den fach­lich­en Weis­ung­en des Bun­des­ge­sund­heits­minister­iums

Zentrale Bedeutung kommt dem RKI zu bei der Überwachung übertragbar­er Krankheiten’. Es liefert ‘Analysen, Amtshilfe, Richtlinien, Empfehlungen, [und] Informationsfluß an Behörden.’

Daher ist diese Ausarbeitung die erste und maß­geb­liche Informations­­quel­­le für die Bun­des­re­­gier­­ung und die Landesregierungen.

Einige wicht­ig­e Kern­aus­sagen der Aus­ar­beit­ung sind:

  • Die relevanten epidemiologischen Para­met­er müssen bekannt sein *¹⁷
  • Fallzahlen und laborbestätigte Fälle gehören nicht dazu, diese führen zu einer erheblichen Untererfassung der Infektionszahlen *¹⁸
  • Es muss situations- d.h. Pandemielagegerecht getestet werden *¹⁹
  • PCR-Tests sind nur eingeschränkt zu empfehlen, sie unterstützen nur weit­ere Entscheidungen *²⁰
  • Bei längeren Pandemien verlieren die PCR-Tests Ihre Bedeutung *²¹
  • Zu Beginn einer Epidemie gibt es keine zuverlässigen Zahlen oder In­for­ma­tionen *²²
  • Eine Epidemie/Pandemie kann in Ländern oder Regionen verschieden schwer verlaufen und sich hierin im Laufe der Zeit auch ändern *²³
  • Die Anpassung der Maßnahmen gegen die Pandemie ist ein andau­ernd­er und kontinuierlicher Prozeß *²⁴
  • Die Schutzmaßnahmen werden auf die Personengruppen konzentriert, die ein erhöhtes Risiko für schwere und tödliche Krankheitsverläufe auf­weis­en, und auf das Personal, das Kontakt zu ihnen hat *²⁵
  • Die Schutzmaßnahmen haben das Ziel, schwere Krankheitsverläufe zu ver­hin­dern und die Überlastung der Gesundheitssystems zu vermeiden *²⁶
  • Wenn die Epidemie den Höhepunkt überschritten hat, muss geprüft wer­den, welche Maßnahmen fortgeführt werden sollen *²⁷
  • Für die Versorgung von Patienten sollten spezielle Schwer­punkt­krank­en­häus­er festgelegt werden *²⁸
  • Es ist zu erwarten, daß alte, kranke Menschen besonders stark, (d.h. mit vielen schweren Fällen) von einer Pandemie betroffen sein werden *²⁹
  • Es ist bei dieser Risikogruppe weiter auch von vielen zusätzlichen Kom­pli­kationen wie Lungenentzündungen auszugehen*³⁰
  • Es ist keine gute Idee, alte Menschen zu intubieren *³¹
  • Weiter ist davon auszugehen, daß sich auch viel Personal in Alten- und Pfle­geheimen anstecken wird *³²

Das klingt wie ein guter Plan und ist 2017 Stand der Wissenschaft.

Im Folgenden wie oben bei der ECDC schon die Textstellen zu den zu­sammen­ge­fas­sten Kern­aus­sagen:

*¹⁷ Beim Auftreten einer Influenzapandemie müssen für die Bewertung der epi­dem­iol­o­gischen Lage und für die Auswahl der an die Situation an­ge­pas­sten Kon­troll- und Bekämpfungsmaßnahmen bestimmte epi­de­mi­olog­ische Para­met­er be­kannt sein.” [S.15 links oben]

*¹⁸ “[Meldedaten] eignen sich aber nur sehr eingeschränkt zur Ein­schätz­ung der Krank­heitslast in der Bevölkerung, da keine Daten über den Krank­heits­ver­­lauf er­fasst werden. Außerdem gehen in das System nur die la­bor­­dia­g­nos­tisch ge­sicher­ten Infektionen ein, was nur einen kleinen Teil der Fäl­le ab­bil­det.” [S.15 rechts mitte]

*¹⁹ Die Veranlassung der Diagnostik muss passend zum Verlauf der Pan­de­mie und den veranlassten Maßnahmen erfolgen. Sie soll die Ziel­stellung der jeweil­ig­en Stra­tegie „Eindämmung“ oder „Folgenminderung“ widerspiegeln.” [S.19 rechts mitte]

*²⁰Schnelltests liefern zwar ein zeitnahes Ergebnis, können aber wegen nied­rig­er­­er Sensitivität und Spezifität nicht uneingeschränkt em­pfohl­en wer­den. Im Ein­zel­fall kann ein Schnelltest vor Ort zur schnellen Un­ter­stütz­ung der Ent­­scheid­­ung über Therapie und weiteres Prozedere ein­ge­setzt werden.” [S.20 rechts mitte]

*²¹ “Bei anhaltender Übertragung des pandemischen Virus in der Be­völk­er­ung wird die La­bordiagnostik nur eine untergeordnete Rolle spielen.” [S.20 rechts unten]

*²²Weder zur Schwere der Erkrankung, noch zur Transmissionsrate kann bei Be­ginn der Zirkulation eines neuen Influenzavirus (Reassortante) eine zuver­läs­sige Aus­sage getroffen werden. Diese unbekannten Größen müssen daher suk­zes­sive in die Entscheidung über notwendige Maßnahmen Eingang finden. *²³ Zu­dem kön­nen sich die einzelnen Situationen zwi­schen ver­schied­enen Re­gi­onen oder Län­dern unter­scheiden und sich im Verlauf einer Pan­demie än­dern. Die Hand­lungs­op­tion­en sollen deshalb als „Bau­kas­tensystem“ auf Ent­scheid­ungsprozessen nach ein­heit­lichen Kri­te­rien basieren.” [S.23 rechts oben]

*²⁴ Die Anpassung der Strategie an die jeweilige Situation ist als kon­ti­nu­ier­lich­­er Prozess zu verstehen. […] *²⁵ Schutz vulnerabler Grup­pen: Die Schutz­maßnahmen werden auf die Personengruppen kon­zen­triert, die ein er­höh­t­es Risiko für schwere und tödliche Krankheitsverläufe auf­weis­en. Dies um­fasst auch Personen, die engen Kontakt zu vulnerablen Gruppen haben, z. B. medizinisches Personal. […] *²⁶ die eingesetzten Schutz­maß­nahm­en [hab­en] vor allem das Ziel, schwere Krankheitsverläufe zu verhindern und Krank­heits­spitzen mit einer Überlastung der Ver­sorg­ungs­struk­tur­en zu ver­meid­en. […] *²⁷ wenn die Influenzaaktivität in Deutsch­land den Höhepunkt über­schrit­ten hat, muss geprüft werden, wel­che Maßnahmen fortgeführt wer­den sol­len (lageabhängige und si­tua­ti­ons­angepasste Deeskalation).” [S.23–24]

*²⁸ “Es kann zweckmäßig sein, für die Versorgung von Influenzapat­ient­en spezielle Schwerpunktkrankenhäuser festzulegen.” [S.34 links mitte]

*²⁹ “Bei einer Influenzapandemie ist davon auszugehen, dass im Vergleich zur sai­so­nalen Influenza sowohl die Erkrankungsrate [von alten Menschen] ins­ge­samt als auch der Anteil schwerer Verläufe deutlich erhöht ist. Se­nior­en zähl­en bei der saisonalen Influenza zu den so genannten Risiko­grup­pen, *³⁰ bei de­nen in ver­stärk­tem Maße Kom­pli­ka­tion­en wie schwere Lun­gen­ent­zünd­ung­en auf­treten. Der enge Kontakt von Bewohnern und Betreuern in Ge­mein­schafts­­ein­richtungen wie Al­ten- und Altenpflegeheimen begünstigt zudem die Aus­­­breit­ung von Tröpf­chen­in­fekt­ion­en wie der In­flu­en­za. *³¹ Zusätzlich er­leicht­ert das Vor­han­den­sein von in­vasiven Zu­gängen (z. B. Magensonden) die Ent­wick­lung von Se­kun­där­in­fekt­ionen und Kom­pli­kat­ionen. *³² Es ist davon aus­­zu­geh­en, dass in ein­er Pan­de­mie auch das Personal selbst verstärkt von krank­heits­­be­dingt­en Aus­fäl­len betroffen ist.” [S.55 oben]

1.3 Nochmal zweieinhalb Jahre vorwärts, Oktober 2019

Wir sind zwei Monate vor Beginn der Epidemie in China, und fünf Monate vor Ausrufung der Pandemie durch die WHO:

Die World Health Organization veröffentlicht die Übersicht ‘Non-phar­ma­ceut­ical public health measures for mitigating the risk and impact of epidemic and pandemic influenza’ [PDF] mit Übersichtenanhang [PDF] [Quelle ³].

Ausschnitt aus dem Cover der Übersichts-Studie der WHO

Auf deutsch die ‘Übersichts-Studie zu nicht-phar­ma­zeut­ischen Maßnahmen der Öf­fent­lichen Gesundheit zur Be­kämpf­ung von Pandemien’.

Dort werden die Pan­de­mie-Maß­nahmen untersucht und be­wert­et, die derzeit auf der ganzen Welt angewendet werden, nach der Um­setzbarkeit der Maß­nahme, d.h. Emp­fehlbarkeit aufgrund der Qualität der zu­grun­de­­lieg­end­en Studie (Wis­sen­schaft­liche Evidenz).

Keine einzige Maßnahme kommt über eine moderate Qualität der Evi­denz hinaus, die meisten rangieren zwischen keine -, sehr niedrige -, und niedrige Evidenz!

Einige der dort aufgeführten Kern­aus­sagen sind:

  • Nicht-pharmazeutische Interventionen sind die einzigen Maßnahmen gegen eine Virusepidemie, die immer und überall verfügbar sind *³³
  • Gesichtsmasken haben laut mehrerer randomisierter Studien von ho­her Qualität bestenfalls eine geringe Wirksamkeit *³⁴ und es fehlen nach wie vor Beweise, die den Zufall als Erklärung ausschließen kön­nen *⁴¹ — un­ter bestimmten Bedingungen können sie dennoch für kranke Personen em­pfohl­en werden
  • Schulschließungen können einen messbaren Einfluß haben, müssen da­für aber sehr gut geplant werden und zum richtigen Zeitpunkt er­folg­en *³⁵
  • Social Distancing kann sehr störend sein, die Nebenwirkungen müssen ge­gen den möglichen Nutzen abgewogen werden *³⁶
  • Daher müssen die Schwere und die voraussichtlichen Folgen der Pan­de­mie schnellstmöglich ermittelt werden *³⁷
  • Gesundheitstest bei Grenzkontrollen werden mangels Belegen ihrer Wirk­sam­keit nicht empfohlen *³⁸
  • Reisebeschränkungen haben allenfalls einen beschränkten zeitlichen Ver­zö­ger­ungs­effekt *³⁹
  • Grenzschließungen werden aus wirtschaftlich schwerwiegenden Grün­den nicht in Erwägung gezogen *⁴⁰

Das klingt heute kaum noch vorstellbar ist aber Ende 2019 Stand der Wissenschaft.

Auch flatten-the curve wurde aktualisiert:

Ausschnitt von Seite 9 der Übersichts-Studie der WHO

Im Folgenden wieder der Text zu den Kern­aus­sagen. An­schließ­end Auszüge einer Tabelle aus dem Doku­ment.

Ich habe die Zi­ta­te über­­setzt; den eng­lisch­en Text führe ich wie schon oben nur so­weit an, wie er zum Auffinden im Do­ku­ment erforderlich ist:

“Non-pharmaceutical … epidemic has started.” [S.1 oben]
*³³Nicht-phar­ma­zeu­ti­sche Interventionen (NPIs) sind die einzigen pan­demischen Gegen­maß­nahm­en, die jederzeit und in allen Ländern ver­füg­bar sind. Die mög­lichen Aus­wirk­ungen von NPI auf eine Influenza Epi­demie oder -Pandemie bestehen darin, die Ein­schleppung des Pan­de­mie­vi­rus in eine Bevölkerung zu ver­­gern. Sie verzögern die Höhe und den Scheitelpunkt der Epi­demie.”

There have been a number … mitigation objectives” [S.2 mitte]
“Es gibt eine Rei
­he hochwertiger randomisierter kontrollierter Studien (RCTs =ran­do­mized controlled trials), die zeigten, *³⁴ dass persönliche Schutz­maß­nahmen wie Hän­­de­hy­giene und Gesichtsmasken bestenfalls einen ge­ring­en Einfluss auf die Influenzaübertragung haben, obwohl eine höhere Be­folg­ung bei ein­er schweren Pandemie die Wirksamkeit verbessern könnte. […] *³⁵ Schul­schließ­ungen können die In­flu­en­za­übertragung verringern, müssten je­doch sorg­fält­ig geplant werden, um die Ziele der Übertragungs­min­der­ung zu er­reich­en.”

The most effective strategy … to reduce transmission.” [S.4 oben]
“Die
ef­fekt­ivste Strategie zur Abschwächung der Auswirkungen einer Pan­de­mie besteht darin, die Kontakte zwischen infizierten und nicht in­fi­zier­ten Personen zu ver­ringern und dadurch die Ausbreitung der In­fek­ti­on, den maximalen Be­darf an Krankenhausbetten sowie die Ge­samt­zahl der In­fekt­ionen, Krank­en­haus­­auf­ent­halte und Todesfälle zu ver­ring­ern. *³⁶ So­ziale Dis­tanz­ier­ungs­maß­nahm­en (z. B. Kontaktverfolgung, Iso­la­tion, Qua­rantäne, Schul- und Arbeits­platz­maß­nahmen und -schließ­ung­en so­wie Ver­meid­ung von Über­fül­lung) kön­nen je­doch sehr stör­end sein, und die Folgen dieser Maß­nahm­en müs­­sen gegen ihren mög­lich­en Nutzen ab­ge­wo­gen werden. *³⁷ Früh­zeit­ige Ein­schätz­ung­en des Schwe­­re­grads und der wahr­schein­lichen Aus­­wirk­ungen der Pan­de­mie wer­­den den Ge­sund­heits­be­hör­den helfen, den Umfang der In­ter­vention zu be­stimmen. […] Bei schwereren Pan­de­mien würden Maß­nahmen zur Er­höh­ung der sozialen Distanzierung in Schu­len, am Ar­beits­platz und in öf­fent­lich­en Bereichen die Übertragung wei­ter ver­­ring­ern.”

There is also a lack of evidence … for ill persons” [S.4 mitte]
“Es
fehlen nach wie vor Be­lege für die Wirksamkeit einer verbesserten Atem­etikette und die Ver­wend­ung von Gesichtsmasken in der Öf­fent­lich­keit währ­end Influ­enza-Epi­demien und -Pandemien. Trotzdem können diese NPIs unter bestim­mt­en Be­ding­ung­en für kranke Personen emp­fohl­en wer­den.

There is sufficient evidence … serious economic consequences.” [S.4 unten]
*³⁸
Es gibt genügend Belege für die mangelnde Wirksamkeit des Ein- und Aus­reise-Screenings, um zu rechtfertigen, dass diese Maß­nahm­en bei In­flu­enza­pandemien und Epidemien nicht em­pfohl­en werden. *³⁹ Es gibt schwache Beweise, hauptsächlich aus Simulationsstudien, dass Reise­be­schränk­ungen die Verbreitung von Infektionen nur für einen kurz­en Zeit­raum verzögern können, und diese Maßnahme kann die anderen Maß­nahm­en beeinflussen. […] *⁴⁰ Grenz­schließ­ungen dürften nur von kleinen iso­lier­ten Staaten bei schweren Pandemien und Epidemien in Betracht ge­zo­g­en wer­den, müs­sen jedoch gegen potenziell schwerwiegende wirt­schaft­liche Fol­gen abgewogen werden.

Ten relevant RCTs were identified … their effectiveness.” [S.26 oben]
“Für diese Übersicht und Meta-Studie wurden zehn relevante RCTs mit ins
­ge­samt mehr als 6000 Probanden identifiziert, um die Wirksamkeit von Ge­sichts­masken in der Öffentlichkeit zu bestimmen. […] *⁴¹ die Belege reich­en nicht aus, um den Zufall als Erklärung für das verringerte Über­trag­ungs­risiko aus­zu­schließ­­en.”

Ein großer Teil der Übersichtsstudie besteht aus tabellarischen Über­sichten zu den Wirksamkeiten von Hygiene-Maßnahmen. Hier einige Auszüge davon:

[Die Bewertung der Aussagekraft der untersuchten Studien d.h. die Belast­bar­keit der Ergebnisse (Evidenz­qua­lität) ist an­ge­geb­en mit:
none = keine
very low = sehr nied­rig
low = nied­rig
mod­erate = mittel
high = hoch (diese Evidenzgüte kommt jedoch nicht vor) ]

Einige Maßnahmen mit ihrer Bewertung, WHO Übersichtsstudie, Auszug aus den Seite 14–18, Tabelle 4

1.4 Die Zusammenfassung der Zusammenfassungen (tl;dr)

Die zusammengefassten Ergebnisse der Ausarbeitungen von ECDC, RKI und WHO nochmal zusammengefasst:

Bitte beachten: wir reden hier über den Wissensstand Ende 2019!

  • Eine Pandemie erreicht Europa ca. ein bis drei Monate nach dem ersten Aus­bruch in einem anderen Teil der Welt*¹
  • Zu Beginn einer Epidemie gibt es keine zuverlässigen Informationen*²² über ihre Eigenschaften, Modellrechnungen sind aber mit Vorsicht zu ge­nießen, denn sie beruhen auf Annahmen, nicht auf Wissen*⁴
  • Die epidemiologischen Parameter müssen schnellstmöglich ermittelt wer­den*¹⁷, Fallzahlen und laborbestätigte Fälle gehören wegen er­heb­lich­er Unter­erfas­sung der Infektionszahlen aber nicht dazu*¹⁸
  • Epidemien betreffen nie alle Orte gleichzeitig auf die gleiche Weise*¹⁰ und breit­en sich in Europa typischerweise von West nach Ost und von Süd nach Nord aus*¹¹
  • Die etwa drei Monate*² andauernde Krankheits-Welle verläuft re­gio­nal*¹⁰ verschied­en*²³ schwer*⁵ und lässt in ihrer Schwere im Laufe der Zeit auch nach*⁹
  • Die Schwere und die voraussichtlichen Folgen der Pandemie müs­sen schnellst­möglich ermittelt werden*³⁷, um die Gegenmaßnahmen fest­zu­legen*⁶
  • Die Gegenmaßnahmen*³³ sollen das Gesundheitssystem vor Überlast­ung*¹⁵ schütz­en*²⁶, sie sind kontinuierlich*²⁴ an die sich ändernden*¹⁷ Eigen­schaft­en der Pandemie*⁵ anzupassen, und auf ihre Nebenwirk­ung­en zu überprüfen*⁸, die mit dem Nutzen der Maßnahmen ab­ge­wog­en wer­den müssen*³⁶
  • Es gibt immer noch mehr Nicht-Wissen als Wissen über Wirkungen der Maß­nahmen*³
  • Der Beleg für den Nutzen von Gesichtsmasken wurde von der Wissen­schaft­ nicht erbracht*³⁴, der Zufall kann statistisch bei den in den Stu­dien beobachteten Wirkungen nicht als Ursache ausgeschlossen wer­den*⁴¹, es ist darüber hinaus nach wie vor möglich, daß Masken die Infektionsraten sogar erhöhen*¹⁴
  • Gesundheitstest bei Grenzkontrollen*³⁸, Reisebeschränkungen*³⁹ und Gren­zschließungen*⁴⁰ sind nicht zu empfehlen
  • Schulschließungen sind nur bei sehr guter Planung und zum richtigen Zeit­punkt bedingt sinnvoll*³⁵ und oft kontraproduktiv*¹²
  • Die Schutzmaßnahmen werden auf die gefährdete Risikogruppen*⁷ kon­zen­triert sowie zusätzlich auf das mit ihnen arbeitende Personal*²⁵, da hier leicht viele Ansteckungen erfolgen*³²
  • Alte und kranke Menschen*²⁹ haben ein erhöhtes Risiko*²⁵ für zusätz­liche Kom­plikationen wie Lungenentzündungen*³⁰ und schwere bis töd­liche Krank­heitsverläufe*²⁵ und sollten auf keinen Fall intubiert werden*³¹
  • Für die Versorgung von Kranken sollten Schwerpunktkrankenhäuser fest­ge­legt werden, um das Gesundheitswesen zu entlasten*²⁸
  • Nach dem Höhepunkt der Krankheitswelle ist zu überprüfen, welche Maß­nahmen fortgeführt werden sollen*²⁷

Das alles gibt Anlaß zur Hoffnung, auf den Fall einer Virus-Pandemie gut vorbereitet zu sein

Wir kommen zum Jahreswechsel 2019/2020

2. Das Wissen über Viren, Epidemien und Pan­de­mien — und der Maßnahmen dagegen — in 2020

MÄRZ

Bis hierher sind wir, die Bevölkerung , kann man wohl sagen, recht ahn­ungs­los, was da auf uns zukommt. In Asien gibt es eine Epidemie, hört man aus den Nachrichten. Hier in Hamburg sind Anfang März noch die Winter­ferien, alle fahren in die Berge, die kurz darauf in Ri­siko­ge­biete um­benannt werden.

Das Robert Koch Institut veröffentlicht am 04. März die Ergänzung des Nat­ionalen Pan­de­mie­plans [PDF]. Nicht, dass das zu dem Zeitpunkt irgend­je­mand­ bemerkt hätte. Schauen wir trotzdem hinein:

“Falls […] deutlich würde, dass die Verbreitung auf Dauer nicht zu vermeiden ist, wird die Bekämpfungsstrategie schrittweise angepasst. Dann kon­zen­triert sich der Schutz stärker auf Personen und Gruppen, die ein er­höht­es Risiko für schwere Krankheitsverläufe aufweisen *⁴²” […]

Nimmt die Ausbreitung der Krankheit in der Bevölkerung zu, zielen die ein­ge­setz­t­en Schutzmaßnahmen stärker auf die Minderung weiterer Folgen. So sol­len be­­son­ders schwere Krankheitsverläufe und Krankheitsspitzen mit ein­er Über­­last­ung der Versorgungssysteme vermieden werden *⁴³. In dies­er Si­tua­tion steh­­en im Mit­telpunkt weitere negative Auswirkungen auf die Ge­mein­schaft und das soziale Leben möglichst gering zu halten *⁴⁴. […]

Um den Anteil schwerer Krankheitsverläufe zu reduzieren, müssen vul­ner­able Personengruppen besonders geschützt werden *⁴⁵. […]

Solche Maßnahmen können nur gelingen, wenn durch aktives gesell­schaft­lich­es Engagement die psychische und physische Versorgung von in Absonderung befindlichen Personen gewährleistet wird.” [S.8]

Für eine kontinuierliche differenzierte Risikoeinschätzung müssen viro­lo­gische, epidemiologische und klinische Daten herangezogen wer­den *⁴⁶. […] Die Risikoeinschätzung dient vorrangig dazu, dass von den Ent­scheid­ungs­trä­gern geeignete Maßnahmen zur Bekämpfung eines be­deut­samen epi­dem­­isch­en Ge­scheh­ens empfohlen werden können *⁴⁷. Bei der Risiko­ein­schätz­ung können drei grund­legende Kriterien herangezogen werden: das epidemische Po­ten­zial / Über­tragung des Erregers in der Bevölkerung, das epidemiologische (Schwere)-Profil von respiratorisch übertragbaren Erkrankungen und die Res­sourc­en­be­lastung im Ge­sund­heits­ver­sorg­ungs­system.” [S.15]

“Äußerst schwierig gestaltet sich derzeit die Bewertung der Gesamtschwere der Epidemie, bei der die drei Hauptkriterien 1. Übertragbarkeit, 2. Anteil klinisch schwerer bzw. tödlicher Krankheitsverläufe und 3. Auslastung und Kapazität des Gesundheitsversorgungssystems des jeweils betroffenen Landes be­rück­sicht­igt werden müssen *⁴⁷.” [S.17]

Es handelt es sich hier um eine Aktualisierung der Punkte, die Anfang März als besonders wichtig angesehen werden. Darüber hinaus besteht das Doku­ment haupt­sächlich aus der Wiederholung von tabellarischen Über­sicht­en des Haupt­dokuments:

  • Im Falle einer Ausbreitung der Epidemie wird der Schutz auf Personen mit hohem Risiko konzentriert *⁴² *⁴⁵
  • Es gilt, be­­sonders schwere Krankheitsverläufe und Krankheitsspitzen mit ein­er Über­­last­ung der Gesundheitsversorgungssysteme zu vermeiden *⁴³
  • ‘In dieser Si­tua­tion steh­en im Mit­telpunkt weitere negative Aus­wirk­ung­en auf die Ge­mein­schaft und das soziale Leben möglichst gering zu halten’ *⁴⁴
  • Um den Anteil schwerer Krankheitsverläufe zu reduzieren, müssen vul­ner­able Personengruppen besonders geschützt werden (zum dritten Mal) *⁴⁵
  • Für eine kontinuierliche differenzierte Risikoeinschätzung ist Kennt­nis erforderlich über das epi­dem­ische Po­ten­zial, das epidemiologische Pro­fil und die Res­sourc­en­be­lastung im Ge­sund­heits­ver­sorg­ungs­system *⁴⁶
  • Diese Risikoeinschätzung, die sich derzeit als äußerst schwierig ge­stalt­et, soll den Entscheidungsträgern geeignete Maßnahmen an die Hand geben *⁴⁷

Am 17. März veröffentlicht der US-amerikanische Statistiker und Epi­de­mio­loge John P. A. Ioannidis von der Stanford University den viel be­acht­et­en und viel kritisierten Artikel ‘A fiasco in the making? As the coronavirus pandemic takes hold, we are making de­cis­ions without reliable data’. [Die Quellen und zitieren ihrerseits auch aus diesem Artikel] Er schreibt dort u.a.:

[Eigene Übersetzung:] “Die aktuelle Coronavirus-Krankheit Covid-19 wurde als Jahrhundert-Pan­de­mie bezeichnet. Es kann sich aber auch um ein Jahrhundert-Fiasko der Evi­denz han­deln. […] Die bisher gesammelten Daten darüber, wie viele Men­schen infi­ziert sind und wie sich die Epidemie en­twick­elt, sind absolut un­zu­ver­lässig. […] Wir wissen nicht, ob wir In­fekt­ion­en um den Faktor drei oder 300 unterer­fas­sen. […]

Die gemeldeten Todesfälle, wie die offizielle Rate von 3,4% der WHO, verur­sach­en Panik —dabei sind sie be­deut­ung­slos. […]

Die wichtigste Information zur Pandemie wäre, die aktuelle Prävalenz der In­fekt­ion­en durch eine Zufallsstichprobe zu er­fas­sen und diese Erfassung in re­gel­mäß­ig­en Abständen zu wiederholen, um die Inzidenz neuer In­fekt­ionen ab­zu­schätz­en. Bedauerlicherweise sind dies Informationen, die wir nicht haben. […]

Mangels vorliegender Daten zur Pandemie führt die Ar­gu­ment­ation ‘auf-das-Schlim­mste-verbereitet-sein’ zu extremen Maßnahmen wie social distancing und Lock­down. Leider wissen wir nicht, ob und wie stark diese Maß­nahmen funk­tio­nier­en.”

Weiter ist sehr bemerkenswert, daß Ioannidis bereits Mitte März (!) in dies­em Artikel anhand der Corona-Fälle auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Prin­cess mit einer IFR [=Infection-Fatality-Ratio=] Infektions­sterb­lichkeit von 0,99% die statistisch bereinigte IFR ganzer Bevölkerungen innerhalb der Band­­breite von 0,025% bis 0,625% angibt. Sechs Wochen später kommt welt­weit mit als erstes die Heinsberg-Studie auf den Wert 0,37%.

Der Wert ist nicht mit der etwa 10-mal höheren CFR [=Case-Fatality-Ratio = Fallsterblichkeit] zu verwechseln, welche laut WHO lange mit 3,4% und welche laut RKI aktuell mit 3,8% angegeben wird bzw. wurde. Dazu unten mehr.

Am 25. März veröffentlichen die Charité — Universitätsmedizin Berlin und das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helm­holtz-Ge­mein­schaft den Aufruf: Nationale Taskforce „COVID-19-Evidenz“:

Dort wird — angesichts des Veröffentlichungsdatums: sehr vorausschau­end — ge­fordert:

Es bedarf einer möglichst schnellen und professionellen Klärung dazu, ob die in Kraft gesetzten Nicht-Pharmakologischen Interventionen (NPI) wie Schul­schließ­ungen und Kontaktrestriktion die erwünschte Wirk­sam­keit zeigen und zugleich die gesundheitlichen, sozialen und wirt­schaft­lichen Neben­wirk­ung­en recht­fert­ig­en *⁴⁸. […]

Die Bewertung der Verhältnismäßigkeit von Nutzen und Schaden von NPIs ver­langt zwei Schritte. Erstens, die Auswahl der relevantesten und ver­läss­lichsten Da­ten (Evidenz) zur Wirksamkeit und zum Schaden der NPI. Zweitens, eine (Güter-) Abwägung dieser äußert komplexen und allesamt existenziell be­deut­samen Informationen. […] Es soll die Aufgabe einer interdisziplinär be­setz­ten Taskforce sein, die Forschung zu definieren, die benötigt wird, um die Wirk­sam­keit und den Schaden der NPI bestmöglich bewerten zu können *⁴⁹.

Zusätzlich zu den kontinuierlich aktualisierten Zahlen für bestätigte In­fekt­ion­en und Todesfälle könnten Kohortenstudien zur Untersuchung der be­völk­er­ungs­­weit­en Infektionsrate auch in symptomfreien Per­sonen hilf­reich sein *⁵⁰. Sollte bereits der Großteil der deutschen Be­völk­erung infiziert sein, sind NPI wie Schul­schließ­ungen oder Kon­takt­res­trik­tio­nen nur von be­grenz­ter Wirksam­keit *⁵¹. Zugleich lief­ern diese Kohortenstudien Da­ten dazu, wie wirk­sam die NPI über die Zeit sind und wann ein guter Zeit­punkt ist, sie zu be­enden *⁵². Des Weiteren müs­sen die un­er­wünscht­en aber un­ver­meid­bar­en ge­sundheitlichen, sozialen und wirt­schaftlich­en Neben­wirk­ung­en der NPI untersucht werden *⁵³. […]

Ethische Herausforderungen ergeben sich zudem bei der Güterabwägung auf der Basis der relevanten Daten. Wie sind die zu erwartenden positiven Ef­fekte von NPI abzuwägen mit den negativen Effekten? *⁵⁴ Die Ab­wäg­ung­en sind un­ver­meidbar mit Werturteilen verbunden. Diese Wert­ur­teile wer­den aber umso ob­jektiver und nach­vollziehbarer je besser sie sich auf re­le­vante und ver­läs­sliche Da­ten zum Aus­maß der positiven und negativen Ef­fekte be­ziehen kön­nen.”

‘Der Spiegel’ führt am 31. März ein Interview mit Prof. Gerd Antes, Uni­ver­si­tät Frei­burg, einen der Mitbegründer des Netzwerks Evidenzbasierte Me­di­zin:

SPIEGEL: Herr Antes, Sie gelten als der Medizinstatistik-Experte in Deutsch­land. Wie gefährlich ist das Coronavirus aus Ihrer Sicht?

Antes: Wenn ich das wüsste. Auf der einen Seite sehe ich die Zahlen, bei denen es sehr viele Unsicherheiten gibt. Auf der anderen Seite sehe ich die mensch­liche Katastrophe, gerade dort, wo das Gesundheitssystem nicht mehr in der Lage ist, alle Kranken zu versorgen, etwa in Norditalien oder im franz­ösischen Elsass. […Wir wissen] nicht, wie tödlich das neue Co­ro­na­virus im Vergleich zur Grippe ist und wie viel schneller genau es sich ausbreitet. […] Wir werden daher erst in ungefähr acht Monaten in der jähr­lich­en Todes­stat­istik sehen, wie viele Menschen durch das Coronavirus in diesem Jahr zu­sätz­lich gestorben sind. Die Zahlen, die es derzeit dazu gibt, sind voll­kom­men unzuverlässig *⁵⁵. […]

SPIEGEL: Die deutschen Behörden geben an, bereits sehr viel zu testen und die Kapazitäten noch ausweiten zu wollen. Wird das helfen?

Antes: Große Testreihen erlauben einen besseren Überblick. Allerdings kann man die Zahlen dann nicht mehr mit den derzeit nachgewiesenen Fällen verg­leichen. Wenn in Deutschland plötzlich viel mehr getestet wird, fin­det man zwangs­läufig auch mehr Infizierte *⁵⁶. Ob sich wirklich mehr Men­schen angesteckt haben, weiß man dann aber nicht. […] Wie viele Per­sonen […] infiziert sind, ist daher unklar und wird es bei dieser Art zu testen auch bleiben *⁵⁷.

SPIEGEL: Was ist die Alternative?

Antes: Wir müssen sehr regelmäßig, vielleicht jede Woche, einen re­prä­sen­tat­iven Bevölkerungsquerschnitt auf Infektionen untersuchen […] um eine so­lide Entscheidungsgrundlage zu schaffen *⁵⁸. Aus […] einer solchen Stichprobe lassen sich genaue Rückschlüsse auf die Gesamtsituation ziehen. […] Je mehr durchgemachte Infektionen nachgewiesen werden, desto besser. Denn jeder un­be­merk­te Fall lässt den Anteil der schweren Erkrankungen unter allen In­fi­ziert­en schrumpfen. Die Angst machenden Zahlen sind also eine po­si­tive Bot­schaft.”

2.1 Die neuen Erkenntnisse und der Wissensstand im März 2020:

  • Um schwere Krankheitsverläufe *⁴⁵ und eine Überlastung der Gesund­heits­systems zu vermeiden *⁴³, konzentriert sich der Schutz auf Risiko­grup­pen *⁴².
  • Übermäßige negative Auswirkungen auf Gemeinschaft und das soziale Le­ben sollen vermieden werden *⁴⁴.
  • Für eine Risikoeinschätzung *⁴⁶, die der Politik belastbare Empfehlung­en *⁴⁷ geben kann, werden virologische, epidemiologische und klinische Da­ten *⁴⁶ benötigt.
  • Es ist dringend zu klären, ob die Schulschließungen und Kontaktverbote wirk­sam sind und die erheblichen Nebenwirkungen rechtfertigen *⁴⁸-⁵³.
  • Um die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen zu überprüfen, ist die Aus­wahl der richtigen Daten und die dafür erforderliche Forschung not­wend­ig *⁴⁹.
  • Zu dieser Forschung gehören unverzichtbar Kohortenstudien zur Unter­such­ung der bevölkerungsweiten Infektionsrate *⁵⁰, die auch Auskunft ge­ben über die Wirksamkeit der Maßnahmen und gute Zeitpunkte, diese zu be­enden *⁵².
  • Sollte bereits ein nenneswerter Teil der Bevölkerung infiziert sein, sind die Maß­nahmen von eingeschränkter Wirkung *⁵¹.
  • Entscheidungskriterien sind zu finden, um die positiven Effekte der NPI mit den negativen abzuwägen *⁵⁴.
  • Die vorliegenden Zahlen sind aufgrund der Art zu testen un­brauch­bar *⁵⁵, da die Infiziertenzahl von der Testanzahl abhängt *⁵⁶, währ­end die wahre Zahl unbekannt bleibt *⁵⁷, solange es keine repräsentativ­en Testungen gibt *⁵⁸.

Das alles gibt Anlaß zur Hoffnung, für diese Virus-Pandemie eigentlich ganz gut vorbereitet zu sein

APRIL

Das Institut für Medizinsoziologie, Versorgungs­forsch­ung und Rehabili­tations­wis­senschaft — IMVR der Universität Köln veröffentlicht zusammen

Ausschnitt von der ersten Seite des Thesenpapiers als Artikel [PDF hier]

mit u.a. Prof. Püschel vom Uni­versitätsklinikum Ham­burg-Eppendorf am 05. April ein erstes Thesenpapier 1.0 zur Pandemie durch SARS-CoV-2/­Covid-19 [PDF, Quelle ⁶-¹].

Der Artikel ist zu großen Teilen auch online zugänglich beim Monitor Ver­sorg­ungs­forsch­ung und wurde in der gleichnamigen Fachzeitschrift ver­öf­fentlicht. [Die Seitenangaben beziehen sich hier und bei den weiteren Quellen auf die reine Fassung als Thesen­pa­pier­, nicht auf den inhaltlich identischen Artikel in der Fach­zeitschrift]

“Eine sinnvolle Beratung der politischen Entscheidungsträger muss mehrere wis­senschaftliche Fachdisziplinen umfassen, wobei [Virologie,] In­fekt­iolog­ie, In­ten­sivmedizin und die Pflege ganz im Vordergrund stehen[.] Da eine Epidemie jedoch nie allein ein medizinisch-pflegerisches Problem darstellt, son­dern immer auf die aktuelle Ver­fasstheit der gesamten Ge­sell­schaft einwirkt und auch nur […] ge­samtgesellschaftlich[…] zu be­wält­igen ist, er­scheint zu­sätz­lich eine Mitwirkung von Vertretern der Sozialwissenschaften, Public Health, Ethik, Öko­nomie, Rechts­wis­sen­schaft und Politikwissenschaft unverzichtbar *⁵⁹.” […]

“Eine Infektion durch asymptomatische Virusträger ist […] epi­de­mio­logisch höchst relevant *⁶⁰. […]
Zur Diagnose dient der Nachweis von ge­net­ischem Material durch die PCR-Reaktion, welche jedoch nicht zwangsläufig eine ge­ge­bene Infektiosität bedeutet *⁶¹. […]

Die zur Verfügung stehenden epidemiologischen Daten (gemeldete In­fekt­ionen, Letalität) sind nicht hinreichend, die Ausbreitung und das Aus­breit­ungsmuster der SARS-CoV-2/Covid-19-Pandemie zu beschreiben, und kön­nen daher nur eingeschränkt zur Absicherung weitreichender Ent­­scheid­­ung­en dienen *⁶².[S.4]

[Bei der] anlassbezogenen Teststrategie ist es nicht sinnvoll, von einer sog. Ver­dopplungszeit zu sprechen und von dieser Maßzahl politische Ent­scheid­ungen ab­hängig zu machen *⁶². […] Die Zahl der gemeldeten Fälle an Tag X stellt keine Aus­sage über die Situation an diesem Tag dar, sondern bezieht sich auf einen Zeit­punkt in der Vergangenheit. […]

Die Zahlen zur Sterblichkeit (Case Fatality Rate) überschätzen derzeit das Problem und können nicht valide interpretiert werden *⁶³. […]

SARS-CoV-2/Covid-19 stellt keine homogene, eine ganze Bevölkerung ein­heit­lich betreffende Epidemie dar, sondern breitet sich inhomogen über lokal begrenzte Cluster aus, die in Lokalisierung und Ausdehnung nicht vor­her­sehbar sind (kom­plexes System) *⁶⁴.” [S.5]

Die allgemeinen Präventionsmaßnahmen (z.B. social distancing) sind theoretisch schlecht abgesichert *⁶⁵, ihre Wirksamkeit ist beschränkt und zudem paradox: je wirksamer, desto größer ist die Gefahr einer „zweiten Welle“ *⁶⁶ und sie sind hinsichtlich ihrer Kollateralschäden nicht ef­fi­zi­ent *⁶⁷. Analog zu anderen Epidemien (z.B. HIV) müssen sie daher ergänzt und all­mählich ersetzt werden durch Zielgruppen-orientierte Maß­nahm­en, die sich auf die vier Risikogruppen hohes Alter, Multimorbidität, institutioneller Kontakt und Zugehörigkeit zu einem lokalen Cluster beziehen *⁶⁸.

Entstehung und Bekämpfung einer Pandemie sind in gesellschaftliche Prozesse ein­gebettet. […] Demokratische Grundsätze und Bürgerrechte dürfen nicht gegen Gesundheit ausgespielt werden *⁶⁹.” [S.6]

“[…] erneut wird die Alternativlosigkeit des exekutiven Handelns dem de­mo­krat­ischen Diskurs gegenübergestellt *⁶⁹.” [S.7]

“[Die] Interaktion zwischen Politik und Wissenschaft ist zur Bewältigung einer solchen Krise wünschenswert, stellt für beide Seiten jedoch nur dann ein sinn­vol­les Vorgehen dar, wenn die Breite der relevanten wissenschaftlichen An­sätze und fachlichen Expertisen zutreffend abgebildet wird und unter­schied­liche Per­s­pek­ti­ven zu Wort kommen *⁶⁹. […] Wenngleich die Be­wält­ig­ung der Pan­­de­mie das prio­ritäre Ziel darstellt, darf last not least nicht aus dem Blick geraten, dass alle Maß­nahmen gleichermaßen daran zu messen sind, ob sie das Fort­­be­steh­en der ge­sell­schaftlichen Werte und Lebens­be­ding­ung­en ga­rant­ier­en und fördern *⁷⁰.” [S.8]

Die Letalität der beatmeten Patienten ist hoch *⁷¹. […] das größte Ri­si­ko besteht für Patienten über 80 Jahre mit Mehrfach-Ko­morbi­di­tät­en *⁷². […] Die PCR weist genetisches Material des Virus nach, dieser Nachweis ist je­doch nicht identisch mit einer Infektiosität *⁷³.[S.9]

Die Darstellung in exponentiell ansteigenden Kurven der ku­mu­la­ti­ven Häu­fig­keit führt zu einer überzeichneten Wahrnehmung *⁷⁴. Die ku­mul­ative Dar­stellung der täglich neu diagnostizierten Fälle erweckt den Eindruck eines ka­tas­trophalen Anstiegs *⁷⁵ und sollte daher durch eine Darstellung ersetzt werden, die den Neuinfektionen die Gesamtzahl der Asymptomatischen und genesenen Patienten an die Seite stellt *⁷⁶, denn dadurch wird klar­ge­stellt, dass die meisten (Schätzwert 98%) der In­fi­ziert­en keine bleib­en­den Schäden davontragen *⁷⁷.[S.10]

“[…] populationsbezogenen Stichproben (Nationale Covid-19- Kohorte) […] ist zum Zwecke der verbesserten Steuerung der Prä­ven­tions­maß­nahm­en größte Prio­rität zuzuweisen *⁷⁸. […] Es darf nicht vergessen werden: die erschreckenden Zahl­en zum Anstieg der Infizierten werden deutlich re­la­tiv­iert, wenn man die Zahl der Patienten bzw. Personen abrechnet, die die In­fekt­ion ohne oder mit be­herrschbaren Krankheitszeichen überstanden haben *⁷⁹.” [S.12]

Angaben zur Letalität einer Erkrankung (Case Fatality Rate) spielen bei der Beurteilung einer Epidemie wie SARS-CoV-2/Covid-19 eine ent­scheid­ende Rolle *⁸⁰. Die Letalität kann als Kennziffer jedoch nur dann sinnvoll ver­wendet werden, wenn mehrere Bedingungen erfüllt sind: die Grund­gesamtheit der Population, auf die die Zahl der Gestorbenen bezogen wird, muss bekannt sein *⁸¹; die Sterblichkeit, die auf die Erkrankung zurückgeht, muss von der Sterblichkeit durch den natürlichen Verlauf und andere Erkrankungen ab­ge­grenzt werden (zurechenbare Sterblichkeit oder attributable mortality) *⁸²; die Sterblichkeit der Erkrankung sollte im historischen Vergleich eine zusätzliche Sterblichkeit (excess mortality) zur Folge haben, gerade wenn in den Ver­gleichs­zeiträumen die betreffende Erkrankung noch nicht bekannt oder diag­nosti­zierbar war. Bei saisonalen Erkrankungen ist der jahreszeitliche Ver­gleich sinnvoll […] Es ist derzeit nicht bekannt, auf wie viel infizierte Per­son­en die Zahl der gestorbenen Patienten zu beziehen ist *⁸³.” [S.13]

“Es ist nicht klar, inwieweit die beobachtete Letalität auf die Infektion mit SARS-CoV-2 zurückzuführen ist.[…] Dies bedeutet, dass keine Kriterien vor­hand­en sind, mittels derer die unkorrigierte crude mortality von der zu­rech­en­bar­en Sterblichkeit (attributable mortality) unterschieden wer­den kann *⁸⁴.[S.14]

Für die nähere Zukunft ist es daher unumgänglich, zu einer Definition der attributable mortality zu kommen *⁸⁵[…]

Es wird zwar viel von den teilweise unhaltbaren Zuständen in den Institutionen (vor allem unter dem Aspekt der fehlenden Schutzausrüstung) und auch von Über­tragungen zwischen Patienten und von Mitarbeitern berichtet, aber es fehlt die letztlich definitive Aussage, dass es sich bei dieser Pandemie um eine zu­mind­est in Teilen nosokomiale Infektion handelt, bei der den Institutionen des Ge­sund­heits- und Pflegesystems eine zentrale Bedeutung in Ausbreitung und Dynamik zu­kommt *⁸⁶.” [S.15]

“Fehlendes Personal, fehlende Schutzmaterialien und unzureichende Test­ungs­mög­­lichkeiten erschweren maßgeblich die Aufrechterhaltung einer adä­quaten Sorg­falt im Versorgungsprozess. Isolierungsmaßnahmen in Pflege­hei­men im Kon­text mangelhafter Schutzmaterialien und bei zu geringer pers­onel­ler Be­setz­ungen sind kritisch zu bewerten *⁸⁷. […]

Epidemien sind komplexe Ereignisse und rufen durch ihr sprunghaftes, un­vor­her­sehbares Auftreten bei allen Beteiligten größte Befürchtungen hervor *⁸⁸[…]. Es wird in der gegenwärtigen SARS-CoV- 2/Covid-19-Epi­de­mie immer wieder zu un­erwarteten, mitunter katastrophal anmutenden Ein­zel­ent­wick­lung­en kommen *⁸⁹. […]

[Man darf] bei der Evaluation der Präventionsstrategien nicht von einem linearen Wirkungsprinzip ausgehen und sich der Illusion hin­ge­ben, solche komplexen Ereignisse seien in einer einfachen actio-reactio-Logik positiv zu beeinflussen. Stattdessen lehrt die Kom­plexi­täts­theo­rie, dass eindimensionale Interventionen eher un­vor­her­seh­bare pa­ra­do­xe Konsequenzen zur Folge haben *⁹⁰.” [S.16]

“In den europäischen Staaten mit strengen Regelungen bzgl. des shutdowns ist je­doch auch nach mehrwöchigem Einsatz wie z.B. in Italien (seit 8.3.2020) keine eingreifende Verbesserung der Situation in Sicht (wenn man von einer leichten Ab­flachung absieht), weder gemessen an den gemeldeten In­fekt­ions­zahlen noch gemessen an der Mortalität *⁹¹. […]

So lässt sich insbesondere nicht ablesen, dass es mit stärkerer Ein­schränk­ung bis hin zum shutdown zu einer deutlicher verzögerten Aus­breitung kä­me, als wenn man „nur“ niedriggradigere Empfehlungen z.B. zum social distancing gibt *⁹². Insbesondere der Schutz der Ri­si­ko­grup­pen (v.a. hohes Alter und Multimorbidität) wird durch die all­ge­mein­en, un­spe­zi­fischen Prä­vent­ions­maß­nahmen nicht verwirklicht *⁹³, sondern im Ge­gen­teil ist eine Ge­fährdung dieser Gruppen durch die ein­ge­schränkte Wirk­sam­keit dieser Maß­nahm­en nicht ausgeschlossen. […]

Falls man jedoch trotz der o.g. Einschränkungen von einer Wirksamkeit der ver­schiedenen containment-Strategien ausgeht, treten große Schwierigkeiten da­hin­gehend auf, dass man das entsprechende Vorgehen zeitlich nicht zu li­mi­tier­en weiß *⁹⁴. Um so wirksamer das „Abflachen der Kurve“ ist, um so wahr­­schein­licher ist das Auftreten neuer Wellen nach Lockerung der Maß­nahmen *⁹⁵ […].” [S.19]

“[…] bei Präventionsmaßnahmen, vor allem wenn sie in das soziale und po­lit­ische Leben einer Gesellschaft tief eingreifen, muss der zu erwartende Nutzen gegen die möglichen negativen Folgen abgewogen werden *⁹⁶ […]

Die Überprüfung der Verhältnismäßigkeit muss daher fortlaufend erfolgen […]. *⁹⁷ Weit­erhin sind normative Grenzen in der rechtsstaatlichen Verfasstheit zu beachten. […]

Das derzeitige Vorgehen ist als isolierte Maßnahme theoretisch nicht aus­reich­end begründet, denn es handelt sich […] bei Covid-19 nicht um eine Epidemie, die alle Bevölkerungsteile gleichermaßen betrifft, sondern um eine Epidemie mit relativ genau benennbaren Risikogruppen
• hohes Alter,
• Komorbidität,
• nosokomiales Risiko und
• Kontakt zu lokalen Clustern
*⁹⁸.” [S.20]

“[Es ist] nicht nachvollziehbar, warum sich Kinder und Personen jüng­eren Alters nicht frei bewegen können, zumindest solange sie ältere Personen oder sol­che mit Prädispositionen nicht kontaktieren. Dies gilt umso mehr, als dass sich die­se Gruppe im Verlauf der Epidemie aller Wahr­schein­lich­keit nach in jedem Fall anstecken wird (aber nicht bzw. nur selten erkrankt) *⁹⁹. Vor al­lem aber ist der Punkt hervorzuheben, dass komplexe Systeme auf eine ein­di­mens­ionale Maß­nahme bzw. eine Maßnahme, die nur auf einer Ebene eingreift, nicht reagieren *¹⁰⁰.” [S.21]

“Unter der Voraussetzung, dass die […] spezifischen Präventionsmaßnahm­en im­plementiert sind, kann eine gezielte Öffnung der allgemeinen, un­spe­zi­fisch­en Prä­ventionsmaßnahmen erfolgen *¹⁰¹. Obwohl das In­fekt­ions- und Mor­bi­di­täts­ri­si­ko der jüngeren Bevölkerungsanteile nicht zu ver­nach­läs­sigen ist, darf und muss in der gegenwärtigen Situation dieses Risiko ge­gen­über dem mit den jetzigen Maß­nahmen nicht herstellbaren Schutz der älteren Be­völk­er­ung mit ihrem weit­aus höheren Morbiditäts- und Mor­tal­itäts­risiko und den massiven ge­sell­schaft­lich­en Folgewirkungen abgewogen werden *¹⁰².” [S.22]

“In Zeiten einer Epidemie sind die rechtlichen Grundlagen der Gesellschaft nicht außer Kraft gesetzt, sondern können lediglich eine dem Prinzip der Ver­hält­nis­mäß­igkeit entsprechende, zeitlich begrenzte Relativierung erfahren *¹⁰³. Die Aus­ein­andersetzung um die Novellierung des In­fekt­ions­schutz­gesetzes mit Schwer­punkt §5 hat jedoch gezeigt, dass dieser Aspekt derzeit nicht adäquat ge­wichtet wird, denn hier wird dem Bun­des­ge­sund­heits­minister eine fast un­ein­ge­schränkte Verfügungsgewalt über staatliche Organe und die Ein­schränk­ungen der Bür­ger­rechte zugesprochen, die auf dem Verordnungswege ausgeübt wer­den kann *¹⁰⁴.” [S.24]

“[…] zum einen darf der Bezug auf wissenschaftliche Erkenntnisse nicht den po­litischen Charakter konfliktärer Entscheidungssituationen und die Ver­ant­wort­ung für ihre demokratischen Absicherung abschwächen oder in Frage stellen. […] Zum anderen kann, insbesondere bei selektiver oder auf Bestätigung aus­ge­richt­et­er Beratungsnachfrage, die Wissenschaft ihr auf Multi­dimens­ion­ali­tät be­ruh­en­des Gleichgewicht verlieren und insofern Schaden nehmen *¹⁰⁵.” [S.25]

Das Netzwerk Evidenzbasierte Medizin veröffentlicht am 15. April eine Stel­lungnahme [Quelle Ende August ist ein Update angekündigt, ggfs. folgt hier eine Aktualisierung]:

Sicher ist, dass die simple Division der Anzahl der Todesfälle durch die nach­ge­wies­enen Erkrankungen zu einer substantiellen Überschätzung der so­genan­nten „Case Fatality Rate“ (CFR) führt *¹⁰⁶. [=die vom RKI ermittelte Sterb­lich­keit…] Zu einer Überschätzung der CFR kommt es auch, wenn bei Ver­storb­enen eine In­fektion mit SARS-CoV-2 zwar nachgewiesen wird, diese je­doch nicht den Tod her­beigeführt hat *¹⁰⁷. […]

Was allerdings mit großer Zuverlässigkeit gesagt werden kann, ist, dass die Todesfälle in erster Linie ältere, vor allem hochbetagte Menschen mit vor al­lem kardiovaskulären [=Herz- & Kreislauf] und pulmonalen [=Lungen] Vor­er­krank­ungen be­tref­fen *¹⁰⁸. […]

Auch Begleiterkrankungen [(Anm.:) die den Krankheitsverlauf beeinflussen] stellen einen wesentlichen Risikofaktor dar *¹⁰⁹. […]

[Es gibt] wenig Evidenz, dass NPIs [=Nicht-pharmazutische Interventionen =die Corona-Maßnahmen] bei COVID-19 tatsächlich zu einer Ver­ring­er­ung der Gesamtmortalität führen *¹¹⁰. Ein Cochrane Review aus dem Jahr 2011 fand keine belastbare Evidenz für die Effektivität von Screening bei Grenz­kon­trol­len oder Social Distancing, allerdings in erster Linie aufgrund fehlender Studi­en und mangelhafter Studienqualität. […]

Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2015 findet mo­de­rate Evi­denz für Schulschließungen, um die Ausbreitung einer In­flu­enza-Epi­de­mie zu verzögern, allerdings verbunden mit hohen Kosten *¹¹¹. Isolation im Haus­halt verlangsamt zwar die Ausbreitung, führt aber zu vermehrter In­fektion von Familienangehörigen *¹¹². Ein aktueller Coch­rane-Rapid-Review findet nur sehr limitierte Evidenz […] dass Qua­ran­täne­maß­nahm­­en ef­fekt­iv sind, CoViD-19-Todesfälle zu ver­hind­ern. Bei all diesen Er­kenntnissen stellt sich die Frage nach der Über­tragbarkeit von Influenza, SARS-1 oder MERS auf COVID-19. So mag beispielsweise be­zweif­elt werden, dass Schul­schließ­ung­en effektiv sind, wenn weniger als 2% der bisher ge­mes­senen In­fekt­ion­en Schulkinder betreffen *¹¹³. Leider wurde es aber ver­säumt, vor der land­es­weiten Schul­schließ­ung entsprechende re­prä­sent­ative Mes­sungen vor­zu­nehm­en *¹¹⁴. […]

Es ist gänzlich unklar, wie lange die NPIs aufrechterhalten werden müs­sen und welche Effekte in Abhängigkeit von Zeit und Intensität damit erzielt wer­den können. Möglicherweise wird die Zahl der Toten nur auf einen spät­eren Zeitpunkt verschoben, ohne dass sich an der Gesamtzahl etwas än­dert *¹¹⁵. Im Gegensatz zur saisonal verlaufenden Grippe wissen wir nicht, wie sich SARS-CoV-2 weiter verhalten wird. […] Ob auch das be­gin­nen­de Frühjahr auf der Nordhalbkugel zu einer natürlichen Ver­lang­sam­ung der Ausbreitung beiträgt, ist unbekannt *¹¹⁶. […]

Sollte die Ausbreitung tatsächlich nur aufgrund der NPIs zurückgehen, so ist mit einem erneuten Anstieg zu rechnen, sobald diese gelockert werden *¹¹⁷. So wird in einer Modellrechnung der Arbeitsgruppe COVID-19 am Imperial Col­lege prognostiziert, dass die Durchführung radikaler NPIs zu einer zweiten, eb­en­so gravierenden Pandemiewelle im Herbst 2020 führen könnte […]

Andererseits haben die derzeit ergriffenen NPIs massive Auswirkungen, die weit über den wirtschaftlichen Einbruch hinausgehen *¹¹⁸ […]

Mit jedem Prozentpunkt der Arbeitslosenquote sinkt die durch­schnitt­­liche Lebenserwartung für Frauen um einen Monat und für Männer um drei Mon­ate. Arbeitslose weisen insgesamt eine höhere Mortalität, eine höh­ere Mor­bi­di­tät, eine höhere Suizidrate und eine schlecht­ere Lebensqualität auf *¹¹⁹. […]

Die mediale Berichterstattung berücksichtigt jedoch in keiner Weise die von uns ge­forderten Kriterien einer evidenzbasierten Risikokommunikation *¹²⁰. […]

Die Nennung von Fällen ohne Bezugsgrößen ist irreführend *¹²¹. […] Die An­­ga­ben [müssten] sich jeweils auf 100.000 Einwohner beziehen. […]

Auch werden keine zeitlichen Bezugsgrößen genannt *¹²². […] Die Nen­nung von Rohdaten ohne Bezug zu anderen Todesursachen führt zur Über­­schätz­ung des Ri­sikos *¹²³.[…]

Der bekannte Epidemiologe John Ioannidis weist darauf hin, dass Corona­vir­en als typische Erreger von Erkältungskrank­heit­en jedes Jahr für Millionen von In­fekt­ionen verantwortlich sind und diese banalen Er­kält­ungs­krankheiten bei bis zu 8% älterer, multimorbider Menschen mit Kom­pli­ka­tion­en wie Pneu­mon­ien töd­lich enden. Der einzige Unterschied zu SARS-CoV-2 könnte sein, dass wir Co­ro­na-Virus Infektionsraten bisher nie in der Bevölkerung ge­mes­sen haben. […]

Es ist weitgehend unklar, inwieweit sich die NPIs tatsächlich auf den Ver­lauf der Epidemie auswirken *¹²⁴. […] Wird es in regelmäßigen Abständen er­forderlich sein, erneut drastische NPIs einzusetzen *¹²⁵, und welche psy­cho­so­zialen, gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen wird das ha­ben? […]

Es gibt insgesamt noch sehr wenig belastbare Evidenz, weder zu COVID­-19 selbst noch zur Effektivität der derzeit ergriffenen Maß­nahm­en. Es ist nicht auszuschließen, dass die COVID-19 Pandemie eine ernst­zu­nehm­­ende Be­drohung darstellt, und NPIs — trotz weit­geh­end fehlender Evidenz — das einzige sind, was getan werden kann. Es ist aber ebenso möglich, dass durch die derzeit durchgeführten NPIs viel größerer Schaden angericht­et wird als durch die Epidemie selbst *¹²⁶. […]

Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin veröffent­licht am 20. April eine Stellungnahme:

Kinder und Jugendliche wurden in den bisherigen Entscheidungs­prozes­sen nicht als Personen mit ebenbürtigen Rechten gesehen, son­dern als po­ten­tiel­le Virus­träg­er *¹²⁷. Sie wurden in ihren Lebenswelten massiv ein­ge­schränkt, nicht zum eig­en­en sondern zum Schutz Anderer. Die Be­tracht­ung von Kind­ern nicht aus ihrer eig­en­en Perspektive sondern als „Mittel zum Zweck“ wider­spricht ihrer persön­lich­en Würde *¹²⁸.

[… Es ist weiter] unklar, ob die Schließung von Kindergärten und Schulen be­deut­­sam für die erfolgreiche Strategie war. […] In Deutschland entfal­len bis­lang ca. 3 % aller registrierten Infektionen auf Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre. Deren Bevölkerungsanteil macht jedoch 13 % aus. Ur­­sach­en der Dis­krepanz sind nicht bekannt *¹²⁹. […] Vergleichbar geringe In­fekt­ions­rat­en von Kindern sind aus anderen Coronavirus Epidemien wie SARS oder MERS be­kannt. […] Erste Fallstudien zeigen, dass eher Erwachsene Kin­der anstecken als um­­ge­kehrt. Es bleibt daher unklar, wie wichtig Kinder für die Ver­breitung des Virus in der Be­völkerung sind; die bisherigen Daten legen na­he, dass sie bislang für das Vor­­an­schreiten der Pandemie eine un­ter­ge­ord­nete Rol­le spie­len *¹³⁰. […] Schließ­lich ist un­klar, wie lange die Beschränkungen […] auf­recht­er­halt­en werden müs­sen, mög­licherweise über viele Monate, […]. Das ist eine für die kindliche Ent­wick­lung zu lange und zu wichtige Zeitdauer. […] Es ist zunächst dringend wis­sen­schaftlich zu klä­ren, ob Kinder und Jugendliche überhaupt epi­de­mi­ol­og­­isch re­levante Überträger des Virus sind *¹³¹.”

2.2 Die neuen Erkenntnisse und der Wissensstand im April 2020:

  • Die Epidemie ist nur in einer gemeinsamen Anstrengung von Virologie, In­fektiologie, Intensivmedizin, Pflege, Ethik, Ökonomie, sowie den Sozial-, Politik- und Rechtswissenschaften gut zu bewältigen *⁵⁹.
  • Der PCR-Test weist Viren-Genome nach, jedoch keine Infektiosität *⁶¹-⁷³.
  • Die vom RKI kumulativ *⁷⁴ veröffentlichten Fallzahlen sowie die Ver­dop­pel­ungszeit *⁶³ derselben, sind ungeeignet den Epidemie-Verlauf zu be­schreib­en *⁶², und/oder Maßnahmen zu begründen, da sie die Ge­fähr­lich­keit des Virus stark überhöht *⁷⁵ darstellen *⁶⁴.
  • Kriterien einer evidenzbasierten Risikokommunikation werden vom RKI ignoriert *¹²⁰.
  • Die angeordneten Maßnahmen sind wissenschaftlich nicht abgesichert, *⁶⁵ in­effizient *⁶⁷, und haben die paradoxe Eigenschaft: je erfolgreicher sie sind, desto länger sind sie notwendig *⁶⁶. Daher müssen sie von zielge­nau­en Maß­nahm­en abgelöst werden *⁶⁷.
  • Die Gesundheit darf nicht wegen behaupteter “Alternativlosigkeit” gegen Grundrechte ausgespielt werden *⁶⁹, denn die Corona-Maßnahmen sind da­ran zu messen, ob sie das Fortbestehen der gesellschaftlichen Werte und Lebensbedingungen garantieren *⁷⁰.
  • Das größte Risiko besteht für Patienten über 80 Jahre *¹⁰⁸ mit Mehrfach-Ko­morb­iditäten *⁷²-¹⁰⁹, im Falle einer Beatmung ist die Letalität be­sond­ers hoch *⁷¹. Ca. 98% der Infizierten tragen keine bleibenden Schäden da­von *⁷⁷-⁷⁹.
  • Bei der Beurteilung der Epidemie spielt die Letalität eine ent­scheid­ende Rolle *⁸⁰, jedoch müssen die Bezuggrößen *¹²¹-¹²² be­kannt sein *⁸¹, wie die zurechenbare Sterblichkeit (der Unterschied “an” oder “mit” Co­ro­na gestorben zu sein) *⁸²-¹⁰⁷. Beides ist derzeit nicht der Fall *⁸³-⁸⁴ wo­durch die Gefahr überschätzt wird *¹⁰⁶.
  • Daher ist es erforderlich, Kriterien für die zurechenbare Sterblichkeit zu definieren *⁸⁵ sowie Obduktionen durchzuführen *¹⁰⁷.
  • Die Epidemie findet zu großen Teilen im Gesundheits- und Pflegesys­tem statt *⁸⁶, hier war zu Beginn die fehlende Schutzausrüstung des Per­son­als katastrophal *⁸⁷.
  • Epidemien sind komplexe Systeme und rufen durch ihr immanent un­vor­her­sehbares und sprunghaftes Auftreten *⁸⁸ mit katastrophal an­mut­enden lokalen Einzelentwicklungen *⁸⁹ größte Befürchtungen hervor *⁸⁸.
  • Dies liegt auch an der Nichtbeeinflußbarkeit *¹⁰⁰ durch eindimensionale Maßnahmen mit einfachen Ursache-Wirkung-Prinzip *⁹⁰, was daran zu erkennen ist, daß der Lockdown keine eingreifende Verbesserung der Si­tuation bewirkt hat *⁹¹ und auch keine Abhängigkeit von der Intnsität der Maßnahmen erkennbar ist *⁹². Gleichzeitig ist eine mögliche jahres­zeitl­iche Schwankung noch unbekannt *¹¹⁶.
  • Der Schutz der Risikogruppen *⁹³, mit ihrem weitaus höheren Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko *¹⁰², die relativ genau benennbar sind (• hohes Al­ter, • Komorbidität, • nosokomiales Risiko und • Kontakt zu lokalen Clus­tern) *⁹⁸. ist durch die allgemeinen, unspezifischen Präventionsmaßnahmen nicht herstellbar *¹⁰².
  • Dies ist ein Grund mehr, die Maßnahmen, die so weit in das soziale und po­­litische Leben einer Gesellschaft eingreifen, gegen die negativen Folgen abzuwägen *⁹⁶ und die Überprüfung der Verhältnismäßigkeit fortlaufend zu wiederholen *⁹⁷, da Grundrechte können nur eine zeitlich begrenzte Aus­­setzung erfahren dürfen *¹⁰³.
  • Diese Beschränkung anhand der Verhältnismäßigkeit wird im IfSG nicht adä­quat berücksichtigt, *¹⁰⁴ da die Einschränkungen auf dem Weg der Ver­ordnungen erlassen werden *¹⁰⁵.
  • Es gibt keine Belege, ob die Corona-Maßnahmen zu einer Verringerung der Gesamtmortalität führen *¹¹⁰, oder ob die Zahl der Toten nur auf ein­en späteren Zeitpunkt verschoben wird *¹¹⁵.
  • Sollte die Epidemie tatsächlich aufgrund der NPI zurückgehen, ist bei Lock­erungen *⁹⁵ zwangsläufig mit einem erneuten Anstieg zu rechnen *¹¹⁷, dann wäre die Frage, ob diese, trotz der immensen *¹¹⁹ Schäden *¹¹⁸, die über die Schäden durch den Virus weit hinausgehen können, *¹²⁶ re­gel­mäßig wiederholt *¹²⁵ werden müssen, ohne das ein Ende abzusehen ist *⁹⁴.
  • Kinder und Jugendliche wurden bisher nicht als Personen mit Rechten, son­dern nur als Virusträger gesehen. *¹²⁷. Diese Betrachtung als „Mittel zum Zweck” widerspricht ihrer persönlichen Würde *¹²⁸.
  • Es ist dringend wissenschaftlich zu klären, ob Kinder und Jugendliche über­haupt epidemiologisch relevante Überträger des Virus sind *¹³¹. Nach vorliegenden Daten spielen sie für die Ausbreitung der Epidemie nur eine untergeordnete Rolle *¹³⁰.
  • Ihr Anteil an der Bevölkerung macht 13% aus, der Anteil an den In­fekt­ion­en nur 2–3% *¹²⁹. Daher stellt sich auch angesichts der mo­de­rat­en Evidenz und hohen Kosten *¹¹²-¹¹² die Frage nach der Ef­fekt­ivi­tät von Schul­schließ­ungen *¹¹³, was mindestens durch ent­sprech­en­de Begleitforschung ge­klärt werden sollte, die bislang ver­säumt wurde *¹¹⁴.
  • Wenn der Schutz der Risikogruppen *⁹⁸ gelungen ist, muss die gezielte Öf­fnung der allgemeinen, unspezifischen Präventionsmaßnahmen er­folg­en *¹⁰¹. Es ist nicht nachvollziehbar, warum sich Kinder und Per­son­en jüng­eren Alters dann nicht frei bewegen können sollten zumal sich die­se wahr­scheinlich in jedem Fall anstecken werden, dabei aber nur selt­en er­krank­en *⁹⁹.

Das alles gibt Anlaß zur Hoffnung, diese Virus-Pandemie schnell und erfolgreich einzudämmen und bald zu einem relativ normalen Leben zurückzukehren

MAI

Das Institut für Medizinsoziologie, Versorgungs­forsch­ung und Rehabili­tations­wissenschaft — IMVR der Universität Köln veröffentlicht am

Ausschnitt von Seite 60, Monitor Versorgungsforschung, 08.06.2020

03. Mai zusam­men mit u.a. Prof. Püschel vom Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Ham­burg Ep­pen­dorf das über­arbei­te­te Thesen­papier 2.0 zur Pandemie durch SARS-CoV-2 /Covid-19 [PDF, Quelle ⁶-²], welches wieder als einz­eln­es PDF (obige Quelle) und etwas spä­t­er auch in Form eines Ar­ti­kels in der Zeitschrift ‘Monitor Ver­­sorg­­ungs­­for­­sch­ung’ er­scheint.

[In dem Thesenpapier wird an ein­igen Stellen Bezug genommen auf die ’Kon­fer­enz der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefs der Länder am 15. April 2020’. Dieses Dokument ist hier von bun­desregierung.de abrufbar]

“Außerdem erscheint die Art der Kommunikation von Wichtigkeit: […] Alle Be­teiligten müssen darauf hinwirken, dass es nicht zu geschlossenen Ar­gument­ations­ketten kommt, die anderslautenden Nachrichten keinen Raum mehr geben können. […]

SARS-CoV-2/Covid-19 [ist] eine typische Infektionskrankheit […und] sie stellt keinen Anlass [dar…], alle Regeln, alles Gemeinsame, alles Soziale in Frage zu stellen oder sogar außer Kraft zu setzen *¹³².“ [S.3]

“In erster Linie fehlen energisch vorangetriebene Kohorten- und Cluster­studi­en, die Daten zur Prävalenz von SARS-CoV-2/Covid-19 in einer re­prä­sent­­at­­iv­­en Bevölkerungsstichprobe […] verfügbar machen, zunehmend auch begleitet von Antikörperbestimmungen (Seroprävalenz) *¹³³. […] Der Bericht der „Ge­ne­se­nen“ ist irreführend, da die Zahl der Erkrankten nicht bekannt ist *¹³³.” [S.4]

“[Die] Einstellung der Testdurchführung [würde] den R-Wert sofort auf null absinken lassen *¹³⁴, bei einer Ausweitung des Testumfanges aber zwangs­läufig zu einer Erhöhung des R-Wertes führen, da eine Ausweitung der Stich­pro­ben­größe von einem Anstieg der gemeldeten Fälle gefolgt ist.” [S.5]

Kinder werden seltener infiziert, sie werden seltener krank, die Letalität liegt na­he bei null, und sie geben die Infektion seltener weiter, so dass der Öffnung unter entsprechender wissenschaftlicher Begleitung nichts im Wege steh­en sollte*¹³⁵. […] die allgemeinen Präventionskonzepte [weisen] das Pa­ra­d­ox­on auf […], dass sie umso länger andauern müssen, umso erfolgreich­er sie sind (Be­fürchtung der „zweiten Welle“) *¹³⁶.” [S.6]

“Die positiven Auswirkungen des Lockdown auf den Verlauf der Epidemie sind schwer abzuschätzen, sichere Hinweise auf eine Wirkung der verschiedenen Aus­prägungen existieren bislang nicht *¹³⁷. Einfache unkontrollierte Be­ob­acht­ungen über den Zeitverlauf reichen nicht aus.” [S.7]

“Zielgruppen-orientierte Präventionsmaßnahmen bedürfen eines positiven fram­ing, das ohne die Assoziation Isolation und Zwang bzw. Sanktion aus­kommt und ganz auf Förderung, Autonomie und Würde der Person aus­gerichtet ist. [Es ist] die Diskussion an[zu]stoßen, wie Risikogruppen zu definieren sind. Ziel­führ­end sind hier mehrdimensionale Scores, die die Eigen­schaft­en Alter, Ko­mor­bi­di­tät, no­sokomiales Risiko und Cluster-Zu­ge­hörig­keit kombinieren *¹³⁸.” [S.8]

Kinder stellen […] ebenfalls eine vul­ner­able Grup­pe dar *¹³⁹ […]. Wei­ter­hin zeigen die Studien, die z.B. zur Wirk­samkeit von Schul­schließ­ungen auf den Verlauf dieser (und anderer) Epi­demien vorliegen, nur eine marginale Wirkung *¹⁴⁰. Es kann nur die Em­pfehl­ung ausgesprochen werden, im Bereich der Kin­der­gärten und Schulen die Rück­kehr zu einer möglichst weitgehenden Normali­sier­ung zu beschreiten *¹⁴¹.[S.9]

“Zwar kann in Grundrechte auch der gesamten Bevölkerung eingegriffen wer­den, doch bedürfen Eingriffe stets einer legitimen Rechtfertigung und eines trans­pa­rent­en Abwägungsprozesses zwischen konkurrierenden Grundrechten sowie zwischen Grund­rechten und Schutzpflichten des Staates *¹⁴².” [S.10]

Trifft die Infektion auf Populationen, bei denen […] das System der Ge­sund­heitsversorgung un­vor­bereitet ist und z.B. durch Großereig­nis­se mit hoh­er Durchseuchung […] überlastet ist, kommt es zu katastrophalen Ver­läufen mit Infizierung des Personals, [Engpässen bei] Schutzkleidung und ex­plo­sions­artig zunehmenden Todesfällen insbesondere bei älteren Per­son­en *¹⁴³.[S.12]

“[Es] wird immer noch die kumulative Häufigkeit in den Mittelpunkt der Kom­munikation gestellt, obwohl diese zu einer überzeichneten Wahrnehmung führt, statt dass die öffentliche Wahrnehmung primär auf die Zahl der täg­lich neuen Fälle (in Relation zur Zahl der getesteten Personen) gelenkt wird, die derzeit deutlich abnimmt *¹⁴⁴.” [S.14]

Das vom RKI etablierte Berichts­wesen setzt auf der Annahme auf, dass die SARS-CoV-2/Covid-19- Epidemie eine durch tägliche Messungen ab­bild­bare homogene Ent­wick­lung darstellt (wie der Peilstab bei ein­setz­ender Flut) *¹⁴⁵. Diese An­nahme ist bei einer Epi­de­mie dieser Art jedoch nicht zu­treffend, denn es han­delt sich um ein in­ho­mogenes, herd­förm­ig ab­lauf­end­es Geschehen *¹⁴⁶. Zur quant­ita­tiven Ab­schätz­ung sind daher eher de­fin­ier­te klinische Endpunkte wie z.B. belegte In­ten­siv­betten, und Ereignis­se im Hoch­risiko­bereich wie z.B. In­fi­zier­te in Pfle­ge­heimen, geeignet *¹⁴⁷.” [S.15]

“In der Konsequenz [der Darstellung der ‘Genesenen’] dürfte es dann außer­dem keine asymptomatisch Infiziert­en geben *¹⁴⁸. […] die Zahl der „Genesenen“ muss auf die Zahl der symptomatisch Erkrankten bezogen und entsprechend berichtet wer­den. […] Auch für die epidemiologisch zentrale Frage, ob die be­ob­acht­ete Sterb­lichkeit wirklich auf die Erkrankung zurückzuführen ist (at­tri­but­able mor­tality), ist keine den wis­sen­schaft­lichen Standards ent­sprech­en­de En­t­wick­lung sichtbar *¹⁴⁹.[S.16]

“[Es ist] für eine adäquate Beurteilung der Situation unerlässlich zu erfahren, ob die trotzdem noch beobachteten Todesfälle der Infektion zuzurechnen sind […]. Gerade die hohe Komorbidität der meist älteren Patienten lässt diese Frage als unausweichlich erscheinen. Die Au­tor­en [weisen] darauf hin, dass die attributable mortality in anderen Zu­sam­men­hängen seit Jahrzehnten den unbestrittenen Standard bei der Klärung des Zu­sam­menhangs zwischen Exposition (z.B. Infektion) und Outcome (in dies­em Fall Tod) darstellt *¹⁵⁰. […] Im Fall von Covid-19 bieten allerdings derzeit weder das RKI noch die WHO, die CDC (Center of Diseases Control, USA) oder andere Orga­ni­sa­tionen eine klare Definition der Covid-19 bedingten Letalität an *¹⁵¹.” [S.18]

Kenntnislücken zwischen Infizierten und Genesenen

Bild aus “S.67” der Artikelversion — Abbildung 1 auf Seite 17 des PDF

“Das RKI muss die Grundgesamtheit, auf die sich die Sterblichkeit bezieht, […] genauso nennen wie die zurechenbare Letalität (attributable mortality). Der Bezug auf die gemeldeten Fälle ist wegen der Dunkelziffer […] methodisch unzulässig *¹⁵².” [S.20]

“[…] durch die täglich durch­ge­führt­en An­gaben der Testprävalenz [wird] die relative Häufigkeit von schwerer Erkrankten über­schätzt *¹⁵³[…]” [S.21]

Prävalenzuntersuchungen sind vielleicht zu Beginn einer Epidemie nicht zu ver­meiden, aber problematisch. Es kommen dabei mehrere Effekte zusammen, die alle zu einer Überschätzung der Problematik führen:
Grundsätzlich über­schät­zen Prävalenzuntersuchungen die Häufigkeit im Vergleich zur Inzidenz *¹⁵⁴.
Anlass-bezogene Testungen überschätzen die Häufigkeit *¹⁵⁴.
Prä­val­enz­unt­er­such­ungen überschätzen die Bedeutung von Patienten mit schwer­en Verläufen *¹⁵⁵, […]

Der Nachweis der Infektion erfolgt in der Praxis über den PCR-Nachweis des Virusgenoms. Dieser Nachweis ist nicht identisch mit der Infektiosität *¹⁵⁶.

Es bestehen zwei unterschiedliche Probleme: — die Viruskultur ist am Anfang der Erkrankung bereits positiv und der Er­krank­te infektiös, aber die PCR ist noch nicht positiv (mangelnde Sensitivität der PCR) und — die Virus­kul­tur ist am Ende der Erkrankung (z.B. nach 1 Woche) bereits neg­ativ und der Patient nicht mehr infektiös, aber die PCR bleibt positiv (mangelnde Spezifität der PCR) *¹⁵⁷.” [S.22] [siehe dazu folgende Abbildung:]

Nachweisbarkeit einer Infektion und der Infektiösität durch PCR und andere Tests im Zeitverlauf…

Abbildung 3 aus dem Thesenpapier, S. 23 — Nachweisbare Reaktionen auf eine Virus-Infektion im Zeitverlauf

… und in Abhängigkeit von der Sensitivität und der Spezifität

Abbildung 4 aus dem Thesenpapier, S. 25 — drei Szenarien PCR-Testungen und Infektiösitäten

In jedem Szenario ist folglich die Mehrzahl der als positiv getesteten Per­sonen zwar auf SARS-CoV-2/Covid-19 PCR- positiv, aber nicht in­fekt­iös *¹⁵⁸. […] Der IgM-Nachweis beschreibt also die akute Infektion, der IgG-Nach­weis die […] andauernde Immunantwort.” [S.25]

“Die Testeigenschaften des IgM-/IgG-Nachweises sind allerdings noch nicht im Ein­zelnen beschrieben. Auch hier ist entscheidend, mit welcher Frage­stel­lung man die Spezifität untersucht. Bei den Anti­kör­per­nach­weis­en ist die Frage von größt­em Interesse, ob es eine Kreuzreaktion mit anderen Coronaviren gibt, die im Lau­fe der Grippe­saison der letzten Jahre entstanden ist („un­spe­zifisch“ würde dann heißen, dass der Test z.B. Corona CoO43 nach­weist) *¹⁵⁹. […] In der Folge steht dann die Frage im Vordergrund, ob speziell der IgM-Nachweis Unterstützung in der Abklärung der Infektiosität nach über­stand­ener Er­krank­ung (oder bei asymptomatischen PCR-positiven Pa­tient­en) geben kann. Im besten Fall ergibt sich eine Teststrategie, die das Prob­lem mit der Spe­zi­fi­tät bzw. dem Positiven Prädiktiven Wert (PPW) der PCR dadurch beher­rschbar machen kön­nte, dass ein positiver PCR-Nachweis bei be­reits nach­weisbarem IgM- Anti­körper nicht mehr als Zeichen der Infektiosität an­gesproch­en wird. […] Die (allerdings sehr aufwendige und nicht für den Rou­tineeinsatz ge­eig­nete) Virus­kultur wäre in diesem Fall bereits negativ. Stud­ien zu dieser Frage­stellung sind dringend durch­zuführen, da auf diese Weise die Not­wendigkeit bzw. Dauer der Quarantäne ver­ringert und eine Überlastung des (ö­ffentlichen) Ge­sund­heits­systems ver­hin­dert werden könnten *¹⁶⁰. […] Im Beschlusspapier vom 15.4.2020 wird von einem „zielgerichteten“ Vorgehen bei der Testung gesprochen. […] In erster Linie ist [zu ent]scheiden, ob man eine re­prä­sent­ative Stichprobe testet, die ein […] Bild über die Häufigkeit der Infektion in der Be­völk­erung, […] oder ob man die Klärung und Nachverfolgung von In­fekt­ions­weg­en zum Ziel hat […]. Beide Ziel­orient­ierungen sind außerordentlich sinnvoll und dür­fen nicht kon­kur­rier­en *¹⁶¹.” [S.26]

“Bei einem Testumfang von 100.000 Personen ist bei einer Prävalenz von 1:100 bereits von 9900 falsch-positiven Testergebnissen auszugehen (Spezi­fität 90%). Will man wirklich im Rahmen der „Testoffensive“ 4,5 Mio. Tests pro Woche durch­führen (Prävalenz 1%), dann muss man bei einer — Spezifität von 90% mit wöch­entlich 445.500 falsch-positiven Ergebnissen, — Spezifität von 95% mit wöch­entlich 222.750 falsch-positiven Ergebnissen, und — (unrealistischen) Spe­zi­fität von 99% mit wöchentlich 44.550 falsch-positiven Ergebnissen rechnen, denen selbst bei einer utopischen Sensi­tivität von 100% nur 45.000 richtig-po­si­ti­ve Befunde gegenüberstehen würden *¹⁶².” [S.27]

Diese Konstellationen würden zum Kollaps jeder präventiv angelegten Strategie führen, ganz gleichgültig wie sehr man das Öffentliche Ge­sund­heitswesen aus­baut. In der Praxis ist ja nicht bekannt, ob ein Be­fund falsch-positiv ist, so dass dieser Befund einer Nachverfolgung wie jeder andere auch bedarf *¹⁶³, […] Es darf in diesem Zusammenhang auch nicht ver­gessen werden, dass eine PCR-Untersuchung immer nur eine Mo­ment­auf­nahme darstellt* und man das Szenario fortlaufend wiederholen müs­ste. ” [S.28]

Erhebliche Unterschiede in der Anzahl der falsch positiven Ergebnisse anhand von Anlaß und Zeitpunkt der Tests

Abbildung 5 aus dem Thesenpapier, S. 29

“Abb. 5: Einfaches Entscheidungsbaum-Modell zur Testung von 100.000 Per­sonen mit einer Prävalenz von 1:100. In Option A werden von 1000 In­fi­ziert­en nur 400/500 (100 entgehen der Testung) symptomatischen In­fi­ziert­en getestet (plus durch Kontaktuntersuchungen 100 asymptomatisch Infizierte). Von 99.000 Nichtinfizierten werden 9000 Personen getestet (z.B. Kon­takt­unt­er­such­ungen), es ergeben sich hier 900 fp [=falsch positiv] Befunde. In Option B wer­den alle Per­sonen getestet unabhängig vom Infektionsstatus. 900 richtig er­kan­nten In­fi­zier­ten steh­en 9900 Personen gegenüber, bei denen der Test positiv ist, obwohl sie nicht in­fekt­iös sind (fp Befunde). Ergebnis: In Option B werden 11 mal so viele fp [=falsch positiv]Befunde er­hoben wie in Option A *¹⁶⁴.” [S.29]

R [ist] beliebig zu variieren, z.B. je nachdem wie man die Stich­pro­ben­um­fänge in den beiden verglichenen In­ter­val­len verändert (soweit der Test­um­fang die absolute Zahl der auftretenden ge­meld­eten Fälle beeinflusst, und dies ist der Fall). So würde R auf Null absinken, sobald man im zweit­en Zeit­raum B die Testdurchführung stoppt, würde man dagegen die Test­durch­führung for­cieren, wird die Reproduktionszahl deutlich ansteigen *¹⁶⁵.” [S.30]

Auffallender Weise wird im Beschlusspapier vom 15.4.2020 als Richt­schnur für anstehende Entscheidungen überhaupt keine epi­de­mi­olog­ische Größe mehr ge­nannt. Im Vorspann wird zwar der Begriff der „In­fekt­ions­ge­schwind­igkeit“ he­ran­gezogen, den man aber eher als eine um­gangs­sprach­liche Umschreibung be­zeich­nen muss *¹⁶⁶.” [S.31]

“Wenig hilfreich ist auch die Art der Kommunikation bzgl. des zeitlichen Verlaufs der Reproduktionszahl. In einer Publikation des RKI ist ersichtlich, dass R bereits zwei Tage vor der Verkündung des Lockdown durch die Bun­des­regierung unter 1,0 gefallen war (am 21.3.2020) und seitdem auf diesem Niveau geblieben ist. n. Der Einwand, der Effekt vor dem 21.3. sei bereits durch die reine An­künd­igung des Lockdown erzielt worden, kann in keiner Weise überzeugen *¹⁶⁷, denn die zur Berechnung des R-Wertes notwendigen Infektionsfälle be­zieh­en sich auf An­steckungen, die bereits zwei Wochen zurückliegen. […] Die Be­ob­acht­ung ist ja durchaus mit der Annahme vereinbar, dass von diesen Maß­nahm­en kei­ne weitere Wirk­ung ausgegangen ist *¹⁶⁸.” [S.32]

Offensichtlich war das Versammlungsverbot vom 9.3.2020 bereits aus­reich­end gewesen. Eine zusätzliche Wirkung des Kontaktverbotes ist kaum als durch­schlag­end zu werten *¹⁶⁹ […].” [S.33]

“[Eine] sehr sorgfältig durchgeführte Studie [Santa Clara, Kalifornien, 3000 Probanden] spricht für eine Dunkelziffer von 50:1 *¹⁷⁰. In diesem Zu­sam­men­hang ist auch die sog. Gangelt-Studie zu erwähnen, von der erste Daten eine Se­ro­prävalenz (Antikörpernachweis einer durchgemachten In­fekt­ion) von 14% […] der Untersuchten zeigten. Diese Untersuchung betraf ein Hoch­risiko­g­ebiet, und es gab Zweifel an der Spezifität der Antikörpertests, daher muss man weiter Daten abwarten. […]” [S.36]

“”Da es deutliche Hinweise auf eine relevante Zahl von asymptomatisch In­fi­ziert­en und auf eine hohe Dunkelziffer gibt, muss der Aufwand zur Planung und Um­setzung von aussagekräftigen Kohortenstudien verstärkt werden *¹⁷¹. Die Ergebnisse wer­den […] dazu führen, dass die in der Kom­mun­ikat­ion des RKI ver­wend­eten Zahlen (Anteil Genesener, Anteil Inten­siv­pflicht­iger, Sterb­lich­keit) deutlich absinken *¹⁷².[S.37]

Nach den Daten des European Centre for Disease Prevention and Con­trol liegt die Letalität bei Kindern unter 10 Jahren nicht erkennbar über null *¹⁷³.” [S.38]

Kinder […] werden zum einen deutlich seltener infiziert, und zum an­der­en werden sie nicht schwer krank. Einer Öffnung der Betreuungs- und Bil­dungs­einrichtungen für Kinder steht aus wissenschaftlicher Sicht keine be­gründbare Erkenntnis entgegen *¹⁷⁴. […]
Die im Thesenpapier Version 1.0 angesprochene Rolle von SARS-CoV-2/­Covid­-19 als nosokomiale hat sich bestätigt, […] In Deutschland hat es mitt­ler­weile mehr­ere Ausbrüche gegeben. Es sind 2014 Personen in Krank­en­häus­­ern oder Praxen infiziert worden, davon sind 310 verstorben (RKI-Si­tu­ations­be­richt 27.4.2020) *¹⁷⁵.” [S.39]

Die Bedeutung der Einrichtungen der Gesundheitsversorgung wird al­ler­dings durch die Rolle der Pflege- und Betreuungseinrichtungen noch in den Schat­ten gestellt. In Deutschland sind mehrere Pfle­ge­ein­richt­ungen in ein­en krisenhaften Zustand geraten *¹⁷⁶. Nach den RKI-Zahlen sind bislang 10948 in Pflegeheimen be­treute Personen infiziert worden und 2007 davon ver­storben. 6687 Personen, die in diesen Ein­richt­ungen tätig sind, wurden infiziert, 24 davon verstorben *¹⁷⁷. In ers­ten Untersuchungen schildern Pflegende die Inkohärenz der Zu­ständ­ig­keiten, den Mangel an Ausrüstung *¹⁷⁸ und ganz allgemein ein „Alleingelassensein“ in der extrem belastenden Situation.” [S.40]

Die Angabe einer „Mortalität von 3,5%“ in den RKI-Si­tu­ations­berichten ohne Angabe der Grundgesamtheit kann dazu führ­en, dass die Diktion und nicht die Fakten zum eigentlichen Grund der im Raum stehenden Ver­schärf­­ung werden*¹⁷⁹.[S.43]

“Aus diesen Überlegungen wird deutlich, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, die zurzeit gegebene Präventionsstrategie energisch und ergebnis­offen auf den Prüfstand zu stellen*¹⁸⁰. Dabei ist zu be­rück­sicht­ig­en, dass es weder möglich ist, die Gesellschaft in einem über 5 Jahre andauernden Shutdown zu halten, noch — und dies erscheint als zentraler Punkt — die Grundrechte über einen so langen Zeitraum in einem Maße einzuschränken, wie es derzeit der Fall ist. Die Ge­sell­schaft würde — unter anderem durch Gewöhnungseffekte — dadurch schleich­end einen irreparablen und dauerhaften Schaden nehm­en*¹⁸¹.” [S.44]

“[…] was sehen wir eigentlich, wenn wir die Bergamo-Bilder im Fernseh­en betrachten? Sehen wir die Krankheit und ihre Folgen — ja. Wir sehen aber auch ein zusammenbrechendes Gesundheitssystem, zumindest auf lokaler Ebene, bei dem die Präventionsanstrengungen nicht ausreichend waren *¹⁸².[S.45]

Auch aus der weiter bestehenden ausgeprägten Inhomogenität der all­ge­mein­­en Präventionsmaßnahmen, die selbst innerhalb Deutschlands ex­ist­iert, müsste bei einer inkrementellen Wirksamkeit der einzelnen Be­stand­teile Unterschiede zu beobachten sein, die einen Gradienten hin zu streng­er­en Maßnahmen aufweis­en *¹⁸³. Dies ist jedoch nicht der Fall, so haben derzeit Schweden und auch Deutschland keine höheren In­fekt­ions­zahlen oder einen rascheren Verlauf als Italien, Span­­ien und Frank­reich, wo man zur völligen Blockierung jeglicher, auch wirtschaft­licher Aktiv­ität ge­gri­ffen hat. Zusätzlich bleiben die Zweifel an der Effizienz der Maß­nahm­en be­stehen, also dem Verhältnis von gewünschter Wirkung zu den un­er­wünscht­en Ne­beneffekten *¹⁸⁴. Nach ersten Darstellungen sind die Nebeneffekte mas­siv und greifen tief in das soziale Leben, die familiären Struk­turen, in die per­sön­liche ökonomische Lebenssituation und die Ausübung der be­ruflichen Tä­tig­keit ein *¹⁸⁵; die Einschränkung der Grundrechte sind an dieser Stelle noch gar nicht er­wähnt.” [S.48]

“Das Konzept, durch eine möglichst vollständige Nachverfolgung aller In­fekt­ions­ket­ten eine hermetische Abriegelung des Virus zu erreichen, missachtet die Eig­en­schaft einer Infektionserkrankung mit asymptomatischen Virusträgern und einer hoch-infektiösen präsymptomatischen Phase, dass sie nämlich auftritt wo sie will und wann sie will *¹⁸⁶. Aus diesem Blickwinkel der Emerg­enz ist es sogar möglich, dass der Schutz der Ri­sikogruppen durch allgemeine Prä­vent­ions­stra­te­gien nicht ge­fördert, sondern gefährdet wird *¹⁸⁷. […] das unablässige, repetitive Betonen der Ver­ant­wortlichkeit und So­li­da­rität tut das seine (vor allem wenn es sich um Gruppen handelt, die sonst wenig So­li­dar­ität erfahren). […]

Da­her ist der Zeitpunkt ge­kom­men, über gezielte Schutzmaßnahmen zu dis­ku­tier­­en *¹⁸⁸, die nicht per „Ab­sond­er­ungs­verfügung“ kommen, sondern eine für­sorg­liche, die Autonomie der Ziel­gruppen respektierende und die Würde des Ein­zel­nen wahrende Vorgehens­weise dar­stellen. Wenn dies nicht gelingt, wird die Dis­kussion um diesen Punkt nicht enden, dafür aber spitzer und po­le­misch­er wer­den *¹⁸⁹, […] Zunächst […] sollte überlegt werden, wo überhaupt der größte Bedarf eines unterstützenden Schutzes besteht. Am bes­ten wäre dies über eine Be­tracht­ung zu leisten, die mehrere Gesichtspunkte gleich­zeitig mit ein­bezieht, und diese jeweils gewichtet und wertet […nach den Kriterien] Alter […] Komorbidität […], nosokomiales Risiko […] und [der …] Zugehörigkeit zu [ein­em] Clus­ter […]. Die erste Gruppe muss in der Pflegeeinrichtung optimal ver­sorgt werden, und die zweite Gruppe sollte optimale Unterstützung erhalten bei Arzt­be­suchen, beim Einkaufen etc. Die Geschäfte und Supermärkte könnten ver­pflicht­end für die zweite Gruppe einen Zeitslot ein­richt­en, wo sie ri­si­ko­los dort ein­kauf­en kön­nen, weil die sonstige Be­völk­erung in dieser Zeit dar­auf verzichtet, denn auch im Alter will man aus dem Haus und Einkäufe ge­leg­entlich selbst er­ledigen. Der Be­such durch die Enkel­kin­der könnte erleichtert wer­den durch den kos­ten­los­en Zu­gang zu Schnell­tests.[…] Personen über 60 Jahre ohne oder mit [nur] ein­er Vor­erkrankung können sich frei bewegen *¹⁹⁰.” [S.53]

Für die Risikogruppen muss aus dem daran geknüpften Vorgehen ein Vor­teil erwachsen, z.B. durch bevorzugte und geschützte Nutzung des öf­fent­lichen Raum­es oder durch besondere Unterstützung bei der Pflege *¹⁹¹.” [S.55]

“Dysfunktional sind Äußerungen, die unbelegte Voraussagen im positiven und negativen Sinne als Fakten darstellen. […]. Damit drängt sich […] der Ein­druck auf, dass die Bedrohung je­den Tag größ­er wird, obwohl dies seit mehr­eren Wochen nicht mehr der Fall ist *¹⁹². Gleiches gilt für die Dar­stel­lung der Mortalität, die das RKI als Gesamtzahl seit Beginn der Co­ro­na­ Epi­demie in Deutschland täglich neu angibt. Auch hier fehlt jegliche Ein­ord­nung, aber die Zahl an sich wirkt erschreckend, obwohl für Deutsch­land bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend geklärt ist, ob eine sog. Über­sterb­lich­keit tatsächlich vorliegt *¹⁹³. [S.61]

Alle Kenntnisse über Kommunikation in Risikosituationen gehen […] da­hin, dass eine drohende Kulisse immer nur für einen begrenzten Zeitraum auf­rechterhalten werden kann, weil es anderenfalls zur To­ler­anz­ent­wick­lung oder auch zu einer aktiven Abwehrhaltung kommt *¹⁹⁴. Eine über Woch­­en in dieser Form nicht relativierte Art der Darstellung durch die maß­geb­liche Bundesoberbehörde ist daher nicht sinnvoll. Es besteht auß­erdem die Gefahr, dass der Eindruck ent­steht, mit einer solchen Dar­stel­lung von offizieller Seite solle nicht informiert, sondern Meinungen beeinflusst werden *¹⁹⁵.” [S.39]

“Es wäre daher zu fordern, dass nach anerkannten Grundsätzen einer trans­par­ent­en Risikokommunikation eine klare Kommunikationsstrategie ent­wickelt wird, die einerseits die herausfordernden Unsicherheiten der Epidemie nicht ne­giert, andererseits aber von einer fortwährenden Drohkulisse zu einer kons­truk­tiv-positiven Darstellung übergeht, die die Kompetenzen der Bürger und Bürg­erinnen in den Mittelpunkt stellt *¹⁹⁶.” [S.39]

Gemeinsame Stellungnahme [PDF] vom 18./19. Mai der Deutschen Ge­sell­schaft für Pädiatrische Infektiologie, e.V., Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e.V., dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte so­wie der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene:

“Kitas, Kindergärten und Grundschulen sollen möglichst zeitnah wieder eröffnet werden. Dies ist auf Seiten der Kinder ohne massive Einschränkungen […] mög­lich. […] Gemeinschaftseinrichtungen für Kinder- und Jugendliche stellen im Ge­gen­satz zu Seniorenheimen per se keine Hochrisikoumgebung dar *¹⁹⁷ […] Der Nach­weis einzelner Infektionen bei Kindern oder Schülern darf nicht au­to­mat­isch zur erneuten Schließung der gesamten Kita oder Schule führ­en *¹⁹⁸.” [S.2]

“Der Anteil von Kindern der Altersgruppe bis 10 Jahre an allen positiv ge­test­eten Patienten liegt bislang bei 1 bis 2% und erreicht maximal 6% bis zum Alter von 20 Jahren. In Deutschland lag der Anteil der Kinder < 10 Jahre bei 1,9% und von 10–19 Jahren bei 4,3% *¹⁹⁹.” [S.3]

“[…] die publizierten Auswertungen der bisherigen Coronavirus-Pandemien MERS und SARS-1 ergeben ein zunehmend schlüssiges Bild, dass Kinder in der aktuellen CoVid-19-Pandemie im Gegensatz zur Rolle bei der Influenza-Über­trag­ung keine herausragende Rolle in der Ausbreitungsdynamik spiel­en *²⁰⁰. Die In­fekt­ionsübertragung auf Kinder innerhalb von Familien erfolgt in der Regel durch infizierte Erwachsene , während Belege für eine Transmission auf mehrere Er­wachs­ene durch ein infiziertes Kind bisher fehlen *²⁰¹.” [S.4]

“Nach Ansicht der unterzeichnenden Fachgesellschaften zeigen die bislang ver­öffentlichten Analysen über die Ausbreitungsdynamik von SARS-CoV-2 und die Verläufe von CoVid-19, daß Kinder im Vergleich zu Erwachsenen eine deut­lich untergeordnetere Rolle in der Verbreitung des Virus einnehm­en *²⁰². […] Kinder und Jugendliche erkranken nicht nur seltener, sondern auch im Falle einer Infektion in der Regel weniger schwer als Erwachsene. Die über­große Mehrzahl der Infektionen im Kindes- und Jugendalter ver­läuft asympto­matisch oder oligosymptomatisch [=mit wenigen Symptomen] *²⁰³. […] Zwischen der in den oberen Atemwegen nachgewiesenen Virus­last und dem Übertragungsri­si­ko besteht kein linearer Zu­sam­men­hang, da letzlich die auf die Schleim­häu­te des Empfängers gelangte Virusmenge über eine Infektion entscheidet *²⁰⁴.” [S.9]

“Die DAKJ weist darauf hin, dass vor und während der Schließung von Ge­mein­schaft­sein­richtungen für Kinder und Jugendliche die Folgen für diese Be­völk­er­ungs­gruppe nicht thematisiert und die Betroffenen und ihre Für­sprech­er nicht gehört wurden, womit die elementaren Rechte der Kinder missacht­et wur­den *²⁰⁵.” [S.10]

2.3 Die neuen Erkenntnisse und der Wissensstand im Mai 2020:

  • SARS-CoV-2 ist eine typische Infektionskrankheit, die keinen Anlass dar­stellt, alles Gemeinsame, alles Soziale in Frage zu stellen *¹³².
  • Was sehen wir denn durch die Bergamo-Bilder? Einerseits sehen wir eine Krankheit und ihre Folgen. Andererseits sehen wir ein lokal zu­sam­men­brech­endes Ge­sund­heits­system bei dem die Präventionsanstrengungen nicht ausreichend wa­ren *¹³².
  • Trifft die Infektion auf Populationen, bei denen das System der Ge­sund­heits­versorgung unvorbereitet und/oder überlastet ist, kommt es zu kri­sen­haften Zuständen *¹⁷⁶ mit katastrophalen Verläufen *¹⁷⁷ mit Infizierung des Personals, fehlender Schutzkleidung *¹⁷⁸ und explosionsartig zu­nehm­enden Todesfällen *¹⁷⁵-¹⁷⁷, insbesondere bei alten Menschen *¹⁴³.
  • Die Berichte des RKI stellen die Entwicklung der Epi­de­mie als homogene Entwicklung ähnlich einer einsetzenden Flut dar. *¹⁴⁵. Dies ist falsch, da es sich um ein inhomogenes, herdförmig ablaufendes Ge­schehen handelt *¹⁴⁶.
  • Eine Eigenschaft einer Infektionserkrankung mit asymptomatischen Vi­rus­trägern und einer hochinfektiösen prä­sym­pto­mat­ischen Phase ist, dass sie auftritt wo und wann sie will *¹⁸⁶.
  • Für die Kenntnis der Lage fehlen en­erg­isch vorangetriebene Kohorten- und Clusterstudien *¹³³-¹⁷¹.
  • Die Nennung von kumulierten Rohdaten *¹⁴⁴ (Infzierte, Gestorbene) ohne Bezug zu anderen Todesursachen führt zur Überschätzung des Risikos *¹²³.
  • Der Bericht der „Genesenen“ ist irreführend, da die Zahl der Erkrankt­en nicht bekannt ist *¹³³ und es bei dieser Darstellung keine asymptomat­isch Erkrankten geben dürfte *¹⁴⁸, wobei dies die größte Gruppe ist.
  • Die Darstellung der epidemiologisch zentralen Frage der zurechenbaren Sterblichkeit genügt keinen wissenschaftlichen Standards *¹⁴⁹. Seitens z.B CDC, WHO und RKI gibt es für COVID-19 noch keine Definition *¹⁵¹ für die zurechenbaren Sterblichkeit, obwohl solche Definitionen seit Jahrzehnten den unbestrittenen Standard darstellen *¹⁵⁰.
  • Der Bezug auf die gemeldeten Fälle ist wegen der Dunkelziffer methodisch unzulässig *¹⁵².
  • Zur quantitativen Abschätzung der Epidemie sind klinische End­punk­te wie belegte Intensivbetten, und Ereignisse im Hochrisikobereich wie In­fi­zierte in Pflegeheimen, eher geeignet *¹⁴⁷.
  • Eine sehr sorgfältig durchgeführte Studie in Santa Clara, Kalifornien, kommt auf eine Dunkelziffer von 50:1.
  • Prävalenzuntersuchungen ergeben etwa zehn mal mehr falsch positive Ergebnisse wie anlassbezogene *¹⁶⁴, sie überschätzen die Häufigkeit im Ver­gleich zur Inzidenz und die relative Häufigkeit *¹⁵³ schwerer Verläufe *¹⁵⁵. Anlassbezogene Untersuchungen dagegen überschätzen die Häufig­keit *¹⁵⁴. Dabei sind Vorgehensweisen für bestimmte Fragen sinnvoll und dürfen nicht konkurrieren *¹⁶¹.
  • Bei richtig verweneter Datenlage würden die dargestellten Zahlen deutlich sinken *¹⁷², so bleibt der Eindruck einer Bedrohung bestehen, die [Anfang Mai!] seit mehreren Wochen nicht mehr gegeben ist *¹⁹².
  • Die Darstellung der Mortalität durch das RKI ist mehr Meinung *¹⁹⁵ als Fakt *¹⁷⁹, und wirkt unnötig erschreckend, da sich die angegebene Mor­ta­li­tät in der Übersterblichkeit in 2020 nicht widerspiegelt *¹⁹³.
  • Die Reproduktionszahl R ist beliebig zu variieren *¹⁶⁵: die Einstellung der Testdurchführung würde den R-Wert sofort auf null absinken lassen *¹³⁴.
  • Der überall verwendete PCR-Nachweis des Virusgenoms ist nicht ident­isch mit der Infektiosität *¹⁵⁶. Am Anfang der Erkrankung ist der Erkrankte in­fekt­iös, aber die PCR ist noch nicht positiv (=mangelnde Sensitivität der PCR) und nach z.B. einer Woche ist der Patient nicht mehr infektiös, aber die PCR bleibt positiv (=mangelnde Spezifität der PCR). Die aufwändige Viruskultur ist hier genauer *¹⁵⁷.
  • Unabhängig von der genauen Sensitivität und Spezifität der Tests ist in al­len Fällen die Mehrzahl der als positiv getesteten Personen zwar auf SARS-CoV-2/Covid-19 PCR- positiv, aber nicht infektiös *¹⁵⁸. Auch besteht zwisch­en der in den oberen Atemwegen nachgewiesenen Viruslast und dem Übertragungsrisiko kein linearer Zusammenhang *²⁰⁴.
  • Bei den Antikörpernachweisen ist die Frage von größtem Interesse, ob es eine Kreuzreaktion mit anderen Coronaviren gibt, die im Laufe der Grip­pesaison der letzten Jahre entstanden ist („unspezifisch“ würde dann heiß­en, dass der Test z.B. Corona CoO43 nachweist) *¹⁵⁹. Studien zu dieser Fra­gestellung sind dringend durchzuführen [siehe Juli, 2.6], da auf diese Weise eine Überlastung des Gesundheitssystems verhindert werden kön­nten *¹⁶⁰.
  • Bei sehr hohen Testzahlen ist wöchentlich mit 44.550 falsch-positiven Er­gebnissen rechnen, denen selbst bei einer utopischen Sensitivität von 100% nur 45.000 richtig-positive Befunde gegenüberstehen *¹⁶². Diese Konstellationen würden zum Kollaps jeder Strategie führen, ganz gleich wie sehr man das Gesundheitswes­en ausbaut, da auch alle falsch-positiven Befunde einer Nachverfolgung bedürfen *¹⁶³.
  • Das Versammlungsverbot vom 09.03. war zum Abbremsen der Epide­mie-Ausbreitung ausreichend *¹⁶⁸-¹⁶⁹. Das Gegenargument, der Effekt vor dem 21.3. sei bereits durch die reine Ankündigung des Lockdown erzielt wor­den, kann in keiner Weise überzeugen *¹⁶⁷.
  • Es ist nach wie vor unklar *¹³⁷-¹⁸³, inwieweit sich die NPIs tatsächlich auf den Verlauf der Epidemie auswirken *¹²⁴, daher muss die Strategie über­prüft *¹⁸⁰ werden: Im Beschlusspapier vom 15.4.2020 [siehe Quellen­an­gab­en Mai] wird über­haupt keine epi­de­miologische Größe mehr als Richt­schnur für ansteh­en­de Ent­scheidungen genannt. Im Vorwort wird le­dig­lich der um­gangs­sprach­liche Begriff der „Infektionsgeschwindigkeit“ ver­wendet *¹⁶⁶.
  • Die Erfordernis die Strategie zu über­prüfen, ist vor allem gegeben, weil die NPI umso länger andauern müssen, je erfolgreicher sie sind *¹³⁶ und weil die gewünschte Wirkung mit den unerwünschte Nebeneffekten in keinem Verhältnis stehen *¹⁸⁴.
  • Der Schutz der Risikogruppen wird durch allgemeine Präventions­stra­teg­ien nicht gefördert, sondern gefährdet *¹⁸⁷, daher müssen gezielte Schutz­maßnahmen *¹⁸⁸ begonnen werden. Diese sind möglich, wenn die Risiko­gruppen anhand mehrdimensionaler Scores (Alter, Komorbidität, no­so­ko­mi­ales Risiko und Cluster-Zugehörigkeit) definiert sind. *¹³⁸ Für die Ri­si­ko­gruppen muss aus dem Vorgehen ein Vorteil erwachsen, z.B. durch be­vor­zugte Nutzung des öffentlichen Raumes*¹⁹¹. Sind die speziellen Schutz­maß­nahmen implementiert, kann sich die restliche Bevölkerung, ein­schließ­lich über 60-jähriger mit max. einer Vorerkrankung frei be­we­gen *¹⁹⁰.
  • Kinder spielen nur eine deutlich untergeordneter Rolle *¹⁴⁰, *²⁰² in der Aus­breitungsdynamik *¹⁹⁹-²⁰⁰. Sie werden seltener infiziert *²⁰¹, sie wer­den selt­ener krank *¹³⁵-²⁰³, die Letalität liegt nahezu bei null *¹⁷³, und sie geb­en die Infektion seltener weiter *²⁰¹, so dass der Öffnung von Schulen und Ki­Tas nicht nur nichts entgegensteht *¹⁷⁴, diese sollten schnell wieder ge­öf­fnet werden *¹⁴¹.
  • Kinder sind selber eine vulnerable Gruppe *¹³⁹, deren elementare Rechte missachtet werden *²⁰⁵. Der Nachweis einzelner Infektionen bei Kindern rechtfertigt nicht die erneute Schließung der gesamten Einrichtung *¹⁹⁸, da diese im im Gegensatz zu Seniorenheimen per se keine Hoch­risiko­um­gebung darstellen *¹⁹⁷.
  • Die das Leben erheblich beinträchtigenden *¹⁸⁵ Grundrechtseingriffe, die bei längerem Bestehen zu schleichenden und irreparablen ge­sell­schaft­lich­en Schäden führen *¹⁸¹ bedürfen einer ständigen transparenten Recht­fert­ig­ung *¹⁴². Fehlt diese, wird die Diskussion polemisch werden *¹⁸⁹, woraus in der Folge eine aktive Abwehrhaltung entsteht *¹⁹⁴.
  • Viel sinnvoller ist es, die Kompetenzen der Bürger und Bürgerinnen in den Mittelpunkt stellen *¹⁹⁶.

Das alles gibt Anlaß zur Hoffnung, diese Virus-Pandemie bald erfolgreich einzudämmen und dann zu einem relativ normalen Leben zurückzukehren

JUNI

Viele Faktoren haben wir nicht mal ansatzweise begriffen“ Interview vom 16.06.2020 mit Prof. Gerd Antes, Universität Freiburg, im Deutsch­land­funk:

“DLF: Welche Wissenslücken bezüglich des neuen Corona-Virus wurden seit Ende März geschlossen? [siehe Interview mit dem Spiegel vom 31. März oben]

Gerd Antes: Also, von den Wissenslücken, die ich damals beklagt habe, ist ei­gent­lich erschreckend wenig gefüllt worden. Wo es gefüllt worden ist, das ist an einer völlig anderen Front […] Erscheinungen im Krankheitsbild und im Krank­­heits­verlauf, das hat enorm zugenommen, aber die Dinge, die ich damals beklagt ha­be, sind weiterhin unklar. […] Wir wissen beides nicht. Wir wissen nicht, wer schon infiziert war, und wir wissen auch nicht, wer ge­gen­wärtig in­fi­ziert ist. Also die Dunkelziffer hat auch zwei Dimensionen, und wenn man mal mit der zweiten anfängt, die Zahlen, die wir von mor­gens bis abends in den Medien sehen, die sind nicht die Anzahl der Infizierten, sondern das ist die Anzahl der po­sitiven Tests *²⁰⁶. Da diese Tests völlig willkürlich und […] unter chaot­isch­en Be­dingungen ausgewählt werden und durch­geführt werden, können wir daraus nichts ziehen*²⁰⁷, außer dass wir vielleicht in dem einen Fall wissen, dass jemand, der den Test gemacht hat, positiv ist *²⁰⁷. […]

DLF: Das heißt, […daß] aus Sicht der evidenzbasierten Medizin klare Belege feh­len. Sehen Sie uns in Deutschland auf einem guten Weg, dass wir diese […] Wis­senslücken bald schließen können?

Antes: Nein, ich glaube, Deutschland ist gegenwärtig auf einem ka­ta­stroph­alen Weg. Dass wir irgendwann mal diesen Shutdown gemacht haben, das war sicherlich evidenzfrei, das war eine Panikreaktion *²⁰⁸. Ich per­sön­lich glau­be, das war richtig, weil wir einfach nicht mehr wussten — da hat man erst mal den Schutz maximiert –, aber gegenwärtig hätten wir die Mög­lich­keit, so­ge­nan­nte Begleitforschung zu machen und dif­fer­enz­iert­er zu öffnen und dann wirklich die Daten zu erheben *²⁰⁹, was da passiert, aber so, wie wir ge­rade gegenwärtig sehen, dass die Wissenschaft damit beschäftigt wer­den könn­te, wie wir Mallorca zurückerobern, das ist natürlich wis­sen­schaft­lich geseh­en und im Sinne von Erkenntnisgewinn absurd *²¹⁰. […]

DLF: Wie sieht es mit den Wissenschaftlern aus? Haben die jetzt die richtig­en Studien angestrengt?

Antes: Nein, das ist ein anderer sehr beklagenswerter Zustand. Wir haben in­zwisch­en eine unglaubliche Anzahl an Studien, die zum Thema COVID-19 be­gon­nen wurde oder auch schon Publikationen, also tausende, und alles ist völ­lig un­ko­ordi­niert, sowohl global, aber auch in Deutschland. Was einfach fehlt hier, ich nenne das immer einen Masterplan. Also, wir wissen ja, wo die ganz­en Fragen offen sind, und die könnte man ganz gezielt angehen mit Studien, aber dann müss­­te man wirklich eine Koordination haben. Da versagt unser Sys­tem gegenwärtig völlig *²¹¹.

Am 22. Juni hält der Statistiker und Epidemiologe Dr. John Ioannidis von der Standford University ein webinar mit dem Titel ’COVID-19: high risks, high pre­valence, high-level evidence, and high-stake decisions’: [Aufzeichnung ver­füg­bar z.B. hier auf youtube.com ]

Warum findet sich diese Online-Präsentation zwischen den anderen hier an­ge­führten offiziellen Quellen? Ioannidis hat eine Auswahl getroffen, mit der anhand einiger Grafiken und Darstellungen wesentliche Eigenschaften des Virus und der Pandemie klar und verständlich vermittelt werden.

Einige Screenshots von youtube.com von dem webinar mit zentralen Aus­sag­en:

Modellrechnungen sind mit Vorsicht zu genießen *²¹²” — Links: gute, aber dann falsch abflachende Modellierung für Kaliforniern, Mitte: sehr gute Model­lierung für New Jersey, Rechts: viel zu hohe Modellierung für New York:

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=eaqNGvq7Us0

Epidemische Wellen sind Gompertz-Funktionen *²¹³ ” — eine in Wis­sen­schaft stark und in der Darstellung der Medien völlig ver­nachlässigte Eigen­schaft einer Epidemie: ihr zeitlicher Verlauf ist stärker von Eigenschaften geprägt, die in der sog. Gompertz-Funktion beschrieben sind, als von unseren Ge­gen­maß­nahm­en:

[Hier Links zu diesem Thema, auf das ich hier nicht weiter eingehen kann:
— die japanischen Studie ‘
Universality in COVID-19 spread in view of the Gompertz functionund
— die US-amerikanischen Studie
Modeling Region Based Regimes for COVID-19 Mitigation: Inverse Gompertz function fitting to the Cumulative Confirmed Coronavirus infections in the U.S., New York and New Jersey ]

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=eaqNGvq7Us0

Altersverteilung der Sterbefälle— diese Grafik stellt die prozentuale Ver­teil­ung der Sterbefälle nach Alter dar. Einige Länder weltweit und einige Staaten in den USA:

[In vier (bunt) oder zwei (grau) Altersgruppen. Deutliche Ausreißer sind hier Indien und Mexiko mit sehr junger Bevölkerung]

Graue Balken: es liegen nur Daten ohne weitere Differenzierung vor für über und unter 65 Jahre, — Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=eaqNGvq7Us0

Altersbezogene Risikoverteilung (im Zeitverlauf)”*²¹⁴. Dargestellt ist das Sterb­lich­keitsrisiko nach Alter und Geschlecht im Zeitverlauf von knapp drei Mon­aten ab dem 01. Februar:

Achzigjährige ha­ben ein etwa tausendmal höheres Risiko als Kinder

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=eaqNGvq7Us0

Gefährdungsverteilung nach Risikofaktoren — anders als in den Medien und von der Politik vielfach vermittelt, handelt es sich nicht um ein un­dif­fer­enz­iert­es, allgemeines und sehr hohes Todesrisiko:

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=eaqNGvq7Us0

Hier die Grafik des vorigen Screenshots nochmal aus der Originalstudie mit Übersetzungen und kleinen Bearbeitungen von mir:

Auf einer logarithmischen Skala (waagrecht, von einem Viertel bis 10-fach) sind die zusätzlichen Risikofaktoren für einen schweren Verlauf der COVID-19 Er­krank­ung angegeben. Der Normalfall (z.B. keine Diabetes) ist 1. Es liegt dank der Studie, die Ioannidis hier zitiert, ein sehr differenziertes Bild der ver­schieden hoh­en Risiken aller ‘üblichen’ Lebens- und Krankheitsfaktoren vor *²¹⁵:

Risiko in Abhängigkeit von Komorbitäten, Alter und weiteren Faktoren

Originalgrafik aus obigen Screenshot, teilübersetzt und bearbeitet, Auslassung einiger seltener Krankheiten. Die Skala ist logarithmisch, die Altergruppe 18–39 Jahre ist links außerhalb der Skala, die Gruppe 0–17 mit noch geringerem Risiko ist nicht dargestellt Quelle Originalgrafik: https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.05.06.20092999v1 — Überschrift ‘Risiko in Abhängigkeit von Komorbitäten und Alter’ von mir

Das Sterberisiko übersetzt in ein alltägliches Risiko” — Das Risiko, als unter 65-jähriger Mensch an der COVID-19 Erkrankung zu sterben, dargestellt als Ri­siko-Equivalent eines tödlichen Verkehrsunfalls mit dem eigenen Auto. Die ent­sprechende tägliche Fahrleistung im Vergleich von verschiedenen Ländern.

Das Risiko für einen unter 65-jährigen Erwachsenen, in Deutschland an COVID-19 zu sterben, entspricht dem Risiko eines tödlichen Ver­kehrs­un­falls bei einer täglichen Fahrleistung von 15km*²¹⁶:

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=eaqNGvq7Us0[Rote Linie = US-Durchschnitt: 52km/tag]

Fazit:

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=eaqNGvq7Us0

Maßnahmen, die wirken sollten:

  • Intensive frühe Tests in Verbindung mit Kontaktnachverfolgung in der frühen Phase (bevor sich die Epidemiewelle festsetzt) *²¹⁷, z.B. Singapur und Taiwan war­en hier sehr erfolgreich. Singapur hat 42.000 Infektionen mit nur 26 To­des­fäl­len dokumentiert.
  • Diese Testungen beibehalten, um eine zweite Welle frühzeitig zu erkennen. Hierzu muss eine strenge epidemiologische Überwachung durchgeführt werden (repräsentative Bevölkerungsstichprobe) *²¹⁸.
  • Anwendung der Kenntnisse zur Risikoverteilung *²¹⁹.
  • Krankenhäuser und Pflegeheime schützen = drakonische Hygiene- und In­fekt­ionskontrollmaßnahmen *²²⁰ sowie regelmäßige Testungen aller Mit­ar­beit­er und Bewohner. Verkürzung der Testintervalle während der akuten Phase der Epidemie
  • Drakonische Schutzmaßnahmen für etwa 5–10% der Bevölkerung *²²¹ (Risikogruppen)
  • Schutzmaßnahmen für Hochrisiko-Einrichtungen (z. B. Fleischverar­beit­ung, Gefängnisse, Obdachlosenunterkünfte, Schiffe) *²²².
  • Standardmaßnahmen mit erwiesenem Nutzen und Eignung für die Be­völk­er­ung (Hände waschen, Nies-etikette, gegebenenfalls Masken, und einige stör­ungs­arme Distanzierungsmaßnahmen).
  • COVID-19 ist eine Krankheit der Ungleichheit, die noch mehr Ungleichheit schafft: Benachteiligte Gruppen sind zu schützen
  • Und -bitte- nicht die ganze Welt mit aggressiven Maßnahmen zerstören”

2.4 Die neuen Erkenntnisse und der Wissensstand im Juni 2020:

  • Der Lockdown im März war eine evidenzfreie Panikreaktion *²⁰⁸.
  • Die täglich gemeldeten Fallzahlen sind nicht die Anzahl der Infizierten, sondern die Anzahl der positiven Tests *²⁰⁶. Da diese willkürlich und unter chaotischen Bedingungen ausgewählt und durchgeführt werden, können wir daraus keine validen Daten ziehen *²⁰⁷.
  • Mittlerweile sind wir in der Lage, Begleitforschung zu machen, gesell­schaft­liche Bereiche differenziert zu öffnen, und dann brauchbare Daten zu erheben *²⁰⁹. Allerdings ist die Wissenschaft damit beschäftigt, wie wir Mallorca zurückerobern können *²¹⁰. Das ist natürlich wissenschaftlich ge­sehen und im Sinne von Erkenntnisgewinn absurd.
  • Hier versagt unser System gegenwärtig völlig *²¹¹.
  • Modellrechnungen sind mit Vorsicht zu genießen *²¹².
  • Epidemische Wellen sind Varianten von Gompertz-Funktionen *²¹³.
  • Das Risiko für einen unter 65-jährigen Erwachsenen, in Deutschland an COVID-19 zu sterben, entspricht dem Risiko eines tödlichen Verkehrsunfalls bei einer täglichen Fahrleistung von 15km *²¹⁶.
  • In der frühen Phase der Epidemie sollte intensiv anlassbezogen getestet und die Kontaktnachverfolung angewandt werden *²¹⁷, in der späteren Phase braucht es repräsentative Testungen *²¹⁸.
  • Das Risiko ist sehr stark in Abhängigkeit von Alter *²¹⁴ und Komorbiditäten verteilt *²¹⁵, diese Kenntnisse müssen umgesetzt werden *²¹⁹: es bedarf starker Schutzmaßnahmen für
    — Risikogruppen (d.h. ca. 5–10% der Bevölkerung) *²²¹
    — Krankenhäuser und Pflegeheime *²²⁰ sowie weiterer
    — Hochrisiko-Einrichtungen *²²²

JULI

Das Institut für Medizinsoziologie, Versorgungs­forsch­ung und Rehabili­tations­wissenschaft — IMVR der Universität Köln veröffentlicht am 08. Juli ‘ Eine erste Bilanz’ [PDF, Quelle ⁶-⁴]:

Leseempfehlung! Hier ist einfach kein Platz mehr…

Auf nature.com wird am 29. Juli die Studie mit dem Titel SARS-CoV-2-re­act­ive T cells in healthy donors and patients with COVID-19’ [PDF, Quelle ] vor­ab veröffentlicht. Der sogenannte peer-review erfolgt derzeit.

Aufgrund des un­glaub­lich positiven Inhalts erforderliches Name-dropping: einer der Au­tor­en ist Christian Drosten.

Aus dem Abstract von der Webseite wie auch auf S.1 des Artikels:

“Severe acute respiratory syndrome coronavirus 2 (SARS-CoV-2) has caused the rapidly unfolding coronavirus disease 2019 (COVID-19) pandemic. Clin­ical man­ifestations of COVID-19 vary, ranging from asymptomatic infection to res­pir­atory failure. The mechanisms determining such variable outcomes remain un­re­sol­ved. Here, we investigated SARS-CoV-2 spike glycoprotein (S)-reac­tive CD4+ T cells in peripheral blood of patients with COVID-19 and SARS-CoV­-2-unexposed healthy donors (HD). We detected SARS-CoV-2 S-reactive CD4+ T cells in 83% of patients with COVID-19 but also in 35% of HD *²²³. […] S-reactive T cell lines generated from SARS-CoV-2-naive HD res­pond­ed sim­il­arly to C-terminal S of human endemic co­ro­na­vir­uses 229E and OC43 and SARS-CoV-2, demonstrating the pre­sen­ce of S-cross-reactive T cells, probably ge­ner­ated during past en­count­ers with endemic co­ro­na­vir­uses *²²⁴. The role of pre-existing SARS-CoV-2 cross-reactive T cells for clinical out­comes remains to be determined in larger cohorts. However, the presence of S-cross­-reactive T cells in a siz­able fraction of the general population may af­fect the dynamics of the current pandemic *²²⁵.”

(Wörtliche) Übersetzung:

“Das schwere akute respiratorische Syndrom Coronavirus 2 (SARS-CoV-2) hat die sich schnell entwickelnde Pandemie der Coronavirus-Krankheit 2019 (CO­VID­-19) verursacht. Die klinischen Manifestationen von COVID-19 variieren und reichen von asymptomatischen Infektionen bis hin zu Atem­ver­sagen. Die Me­cha­nismen, die solch unterschiedliche Ergebnisse her­vorruf­en, sind noch nicht ver­standen. Wir untersuchten SARS-CoV-2-Spike-Glykoprotein (S)-reaktive CD4 + T-Zellen im peripheren Blut von Patienten mit COVID-19 und von gesund­en Spen­dern die mit SARS-CoV-2 noch nicht in Berührung kamen. Wir ha­ben SARS­-CoV-2 S-reaktive CD4 + T-Zellen bei 83% der Patienten mit COVID­-19, aber auch bei 35% der gesunden Probanden nach­ge­wies­en *²²³. […] S-reaktive T-Zelllinien, die aus SARS-CoV-2-naiven Probanden erzeugt wur­den, re­agierten ähnlich auf C-terminal S der humanen en­de­misch­en Corona­vir­en 229E und OC43 und SARS-CoV-2 und zeigten das Vorhandensein von S­-kreuz­re­akt­ivem T-Zellen, die wahrscheinlich bei früheren Be­geg­nung­en mit en­de­mi­schen Co­rona­vir­en entstanden sind *²²⁴. Die Rolle vorhandener kreuz­reaktiver SARS-CoV-2-T-Zellen für die klinischen Ergebnisse muss in größ­eren Kohorten noch bestimmt werden. Das Vorhandensein von S-kreuz­re­akt­iven T-Zellen in einem beträchtlichen Teil der All­ge­mein­be­völk­er­ung kann jedoch die Dy­na­mik der aktuellen Pan­de­mie be­ein­flussen *²²⁵.”

Und jetzt auf deutsch:

Bei der Krankheit Covid-19 gibt es aus noch unbekannten Gründen sowohl asym­tomatische als auch sehr schwere Verläufe mit Atemversagen. Die Un­ter­suchungen haben gezeigt, daß 83% der Infizierten T-Zellen *²²³ haben, die ge­gen Sars-CoV-2 aktiv sind, die also eine Antwort des Immun­sys­tems ge­zeigt ha­ben. In der Testgruppe der gesunden Probanden, die noch kein­en Kon­takt zu dem Virus hatten, haben 35% der Menschen ebenfalls diese T-Zellen *²²³, die wahrscheinlich bei früheren Be­geg­nung­en mit en­dem­ischen Coronaviren ent­standen sind *²²⁴. Dieser Umstand beeinflusst höchst­­wahr­schein­lich die Dyna­mik der Pandemie *²²⁵.

Anmerkung: 83% ist etwa der %-Satz der In­fi­ziert­en, die keine oder nur leich­te Symptome habt, die damit sogenannt ‘asympto­matisch’ sind, weil ihr Im­mun­sytem mit der Infektion erfolgreich umgeht.

Und jetzt als Schlagzeile (die Leitmedien bringen ja keine guten Nachrichten mehr):

Die asymptomatischen Infizierten sind asymptomatisch, weil sie ein gut funktionierendes Immunsystem haben

Ein Drittel der Bevölkerung verfügt über Kreuzimmunität gegen Sars-CoV-2, die aus früheren Begegnungen mit ‘normalen’ Co­ronaviren entstanden ist

Warte, geht noch weiter!

“However, limited test availability and preferential testing of symptoma­tic patients has likely lead to significant underestimation of infection bur­­den and overestimation of case-fatality rates *²²⁶. Serological an­alysis of SARS-CoV-2-induced humoral immunity could reveal asympto­matic in­fect­ions, but it is not yet widely applied and compli­cated by the fact that co­ro­na­vi­rus-induced antibody responses are quite variable and rather short-lived *²²⁷. Coronavirus-induced cellular immunity is pre­dic­ted to be more sustained *²²⁸ […]

Studies of the SARS-CoV epidemic in 2002/03 have shown that adaptive im­mune responses directed against spike glycoprotein were pro­tec­tive *²²⁹.“

Immer noch Seite 1 — definitiv meine neue Lieblingsstudie!

Übersetzung:

Die begrenzte Verfügbarkeit von Tests und die vorrangige Prüfung sym­pto­matischer Patienten haben wahrscheinlich zu einer erheblichen Un­ter­schätz­­ung der Infektionslast und einer Überschätzung der Sterb­lich­keits­ra­ten geführt *²²⁶. Die serologische Analyse der SARS­-CoV-2-in­du­zierten humo­ralen Immunität könnte asymptomatische Infekt­ion­en aufzeigen, ist jedoch noch nicht weit verbreitet und kompliziert, da die Coronavirus-induzierten Antikörperantworten sehr unterschiedlich und eher kurzlebig sind *²²⁷. Es wird vermutet, dass die Coronavirus-indu­zier­te zelluläre Immunität län­ger anhält *²²⁸ […]

Studien zur SARS-CoV-Epidemie 2002/03 haben gezeigt, dass ad­ap­ti­ve Im­mun­antworten gegen Spike-Glykoproteine schützend wirken *²²⁹. [Links zu ‘humorale’, ‘zelluläre’ und ‘adaptive Immunität’ von mir]

Auf deutsch:

Die bisherige Vorgehensweise der zuständigen Stellen hat dazu geführt, daß die Zahl der Infektionen erheblich unterschätzt und die Sterblichkeits­rat­en erheblich überschätzt wurden *²²⁶. Die Analyse, die asymptomatische Fäl­le er­kennen kann, ist sehr kompliziert und daher nicht weit verbreitet *²²⁷. Die zel­luläre Immunantwort ist wahrscheinlich von langlebiger Natur *²²⁸. Aus der SARS­-Epidemie 2003 weiß man, daß die adaptive Im­mun­antwort schütz­­end wirkt *²²⁹.

Als Schlagzeile:

Das bisherige Vorgehen der zuständigen Stellen hat dazu geführt, daß die Zahl der Infektionen er­heb­lich un­ter­schätzt, und die Sterblichkeitsraten er­heb­lich über­schätzt wurden

Anders als bei den viel untersuchten, aber relativ kurz­lebig­en Antikörpern, ist die schützende zel­luläre Immunant­wort langlebig, wie seit der SARS-Epidemie 2003 bekannt ist

Weiter mit der Studie:

This suggests that S-reactivity in SARS-CoV-2 naïve HD originated from previous immune responses to HCoVs *²³⁰. We therefore tested 18 of the 68 HD for the presence of antibodies specific for the four endemic HCoVs. We de­tec­ted IgG antibodies against all four HCoVs in all tested HD, re­gard­less of the pre­sence of measurable S-reactive CD4+ Tcells. Frequencies of S-(cross)-reactive CD4+ T-cells in RHD [=reactive healthy donors] did not correlate with anti­body levels against HCoVs potentially indicating that they have not been ge­nerated very recently *²³¹. […]

Our study demonstrates the presence of S-reactive CD4+ T-cells in CO­VID-19 patients, and in a considerable proportion of SARS-CoV­-2 un­ex­pos­ed HD. In light of the recent emergence of SARS-CoV-2, our data raise the in­triguing possibility that such pre-existing S-reactive T-cells re­pre­sent cross-reactive clones, probably acquired in previous in­fect­ions with en­de­mic HCoVs *²³². HCoVs account for approximately 20% of “com­­mon cold” up­per respiratory tract infections, are ubi­quit­ous, but dis­play a winter sea­sonality. Based on epidemiological data, it may be ex­tra­po­la­ted that adults con­tract an HCoV infection on average every two to three years. Protective antibodies may wane mid-term but cellular im­munity could re­main *²³³. […]

The biological role of pre-existing S-cross-reactive CD4+ Tcells in 35% of HD re­mains unclear for now. However, assuming that these cells have a pro­tect­ive role in SARS-CoV-2 infection, they may contribute to un­der­stand­­ing the di­vergent manifestations of COVID-19, and the striking re­si­lience of chil­dren and young adults to symptomatic SARS-CoV-2 in­fect­ion *²³⁴. Especially chil­dren in day care centers but also young adults have more fre­quent social contacts than elderly, and thus may have a higher HCoV pre­va­len­ce. […]

Understanding the extent to which and how SARS-CoV-2-specific humoral or cellular immunity mediates durable protection against reinfect­ion is of cri­ti­cal importance in the coming months. Our study reveals pre-exisit­ing cellular SARS­-CV-2-cross-reactivity in a substantial proportion of SARS-CoV-2 seronegative HD. This finding might have significant epi­de­mio­logi­cal im­plications regarding herd immunity thresholds and projections for the COVID-19 pandemic *²³⁵.”

Übersetzung:

Dies legt nahe, dass die S-Reaktivität bei SARS-CoV-2-naiver Pro­banden von früheren Immunantworten auf HCoVs herrührt *²³⁰. Wir ha­ben daher 18 der 68 gesunden Probanden auf Antikörper getestet, die für die vier en­de­misc­hen HCoVs [=humane Coronaviren] spezifisch sind. Wir haben IgG-Antikörper ge­gen alle vier HCoVs in allen getesteten ge­sund­en Probanden nachge­wies­en, un­abhängig vom Vorhandensein messbarer S-reaktiver CD4 + T-Zellen. Die Häuf­ig­keit von S-(kreuz-)­reaktiven CD4 + T-Zellen in kreuzimmunen Pro­band­en kor­rel­ierte nicht mit den Anti­kör­per­ni­veaus gegen HCoVs, was möglicher­wei­se da­rauf hinweist, dass sie nicht in letzter Zeit erzeugt wurden *²³¹. […]

Unsere Studie zeigt das Vorhandensein von S-reaktiven CD4 + T-Zellen in COVID-19-Patienten und in einem beträchtlichen Anteil der ge­sund­en Pro­banden. In Anbetracht des erstmaligen Auftretens von SARS-CoV-2 weist dies auf die faszinierende Möglichkeit hin, dass solche bereits vor­hand­enen S-reaktive T-Zellen eine Kreuzimmunität darstellen, die wahr­­scheinlich in früheren Infektionen mit endemischen HCoVs er­worb­en wur­den *²³². HCoVs machen ca. ungefähr 20% der Infektionen mit “ge­wöhn­lich­er Erkältung“ der oberen Atemwege aus, und sind all­gegen­wärt­ig, zei­gen aber eine Win­ter­saisonalität. Basierend auf epi­de­mio­logisch­en Daten kann extrapoliert wer­den, dass Erwachsene durch­schnitt­lich alle zwei bis drei Jahre eine HCoV-In­fekt­ion durchmach­en. Schütz­ende Antikörper dürften mit­tel­frist­ig schwinden, aber die zellu­­re Im­muni­tät bleibt wohl bestehen *²³³. […]

Die biologische Rolle bereits vorhandener S-kreuzreaktiver CD4 + T-Zel­len bei 35% der Probanden ist vorerst unklar. Unter der Annahme, dass diese Zellen eine schützende Rolle bei der SARS-CoV-2-Infektion spielen, können sie jedoch zum Verständnis der unterschiedlichen Mani­fest­ation­en von CO­VID-19 und der bemerkenswerten Wider­stands­fähig­keit von Kindern und jungen Erwachsenen gegenüber sym­pto­mat­ischen SARS-CoV-2-In­fekt­ionen beitragen *²³⁴. Insbesondere Kinder in Kinder­tages­stät­ten, aber auch junge Er­wachs­ene haben häufigere soziale Kontakte als ältere Menschen und können da­her eine höhere HCoV-Prävalenz aufweisen. […]

In den kommenden Monaten ist es von entscheidender Bedeutung zu ver­steh­en, inwieweit und wie SARS-CoV-2-spezifische humorale oder zellu­­re Im­mun­ität einen dauerhaften Schutz vor einer erneuten Infektion vermittelt. Unsere Studie zeigt eine bereits vorhandene zelluläre SARS-CV-2-Kreuzreaktivität in einem wesentlichen Anteil der seronegativen SAR von SARS-CoV-2. Dieser Be­fund könnte erhebliche epidemiologische Aus­wirk­ung­en auf die Schwel­len­wer­te und Prognosen der Herd­en­im­muni­tät für die COVID-19-Pandemie ha­­ben *²³⁵.” [Links von mir eingefügt]

Auf deutsch:

Die (Kreuz)Immunität gesunder Menschen gegen SARS-CoV-2 ist das Re­sul­tat von Immunitätantworten gegen andere humane Coronaviren (HCoVs) *²³⁰. In allen getesteten gesunden Probanden waren Antikörper gegen alle vier HCoVs nachweisbar, unabhängig vom Kreuzimmunität gegen Corona, was bedeutet, daß diese seit längerem vorhanden sind *²³¹.

Die ‘corona-wirksamen’ T-Zellen des Immunsystems der Probanden sind eine (Kreuz)Immunität, die aus der Immunantwort auf das beständige Vor­han­den­sein von HCoVs in unserem Leben entstanden sind *²³². Die ge­wöhn­liche Er­kält­­ung besteht zu ca. 20% aus HCoVs, so daß jeder Er­wachs­ene alle zwei bis drei Jahre eine derartige Infektion erleben dürfte. Dies führt zu den zellulären Im­mun­ität *²³³.

Das Auffinden von (Kreuz)Immunität bei 35% der gesunden Probanden dürf­te die stark unterschiedlichen Verläufe der Krankheit einerseits und die ‘be­merk­enswerte Widerstandsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen gegen­über sympto­matischen SARS-CoV-2-In­fekt­ionen’ andererseits er­klär­en *²³⁴.

Diese Erkenntnisse haben erhebliche Auswirkungen auf die epi­de­mio­logisch­en Schwel­­len­wer­te und Prognosen der Herdenimmunität für die COVID-19-Pan­demie *²³⁵.

Als Schlagzeile:

Kinder und Jugendliche sind so bemerkenswert wider­stands­fähig gegen Corona, weil sie ‘Viren­schleud­ern’ sind

Erwachsene mit einer stabilen Immunantwort ha­ben diese aus einem ‘gewöhnlichen Winter­schupfen’ der Vorjahre

Die Herdenimmunität ist schon viel weiter erreicht, als bis­lang gedacht

2.5 Die neuen Erkenntnisse und der Wissensstand im Juli 2020:

  • 83% der Infizierten haben T-Zellen, die gegen SarsCoV2 aktiv sind, ge­sund­e Probanden, die noch keinen Kontakt zu dem Virus hatten, haben zu 35% ebenfalls diese T-Zellen *²²³, die wahrscheinlich bei früheren Be­geg­nung­en mit Coronaviren entstanden sind *²²⁴.
  • Das Auffinden von (Kreuz)Immunität bei 35% der gesunden Probanden dü­rfte die stark unterschiedlichen Verläufe der Krankheit einerseits und die ‘bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen gegenüber symptomatischen SARS-CoV-2-Infektionen andereseits er­klär­en *²³⁴.
  • Die Analyse zur Erkennung asymptomatischer Fälle ist nicht weit verbreitet *²²⁷
  • Die Immunität gegen SARS-CoV-2 ist das Resultat von Im­mu­ni­täts­ant­wort­en gegen andere beständig vorhandene *²³² humane Co­ronaviren (HCoVs) *²³⁰, die vor längerer Zeit entstanden sein müssen *²³¹. Da ge­wöhn­liche Er­kält­ungen zu ca. 20% aus HCoVs bestehen dürfte jeder Er­wachsene alle zwei bis drei Jahre eine derartige Infektion erleben, die zu der zellulären Im­mun­­ität führt. *²³³.
  • Diese Immunitäts-Werte beeinflussen die Dynamik der Pandemie *²²⁵ vor al­lem, weil die zelluläre Imunantwort wohl langlebig ist, *²²⁸ wie man aus der SARS-Epidemie weiß *²²⁹.
  • Die Darstellung des des Robert-Koch-Institut hat die Zahl der Infektion­en er­heblich unterschätzt und die Sterblichkeitsraten erheblich überschätzt *²²⁶; die neuen Erkenntnisse haben erhebliche Auswirkungen auf die epi­de­miologischen Schwellenwerte und Prognosen der Herdenimmunität für die COVID-19-Pandemie. *²³⁵

August

Das Institut für Medizinsoziologie, Versorgungs­forsch­ung und Rehabili­tations­wissenschaft — IMVR der Universität Köln veröffentlicht am 05. August eine weitere Überarbeitung des Thesenpapiers, Version 3.0 [PDF, Quelle ⁶-³]:

“ SARS-CoV-2/Covid-19 stellt eine typische Infektionskrankheit dar. *²³⁶ […], der oligo- [=wenig] bzw. asymptomatische Verlauf ist häufig, hohes Alter und bestehende Vorerkrankungen bedingen eine schlechte Prognose und die Le­ta­li­tät liegt insgesamt unter 1 %. […]

[Die] Identifizierung von Übertragungswegen [ist] problematisch, so dass sich Infektionsherde bilden können, die erst relativ spät als solche erkannt wer­den. Wie auch bei anderen Epidemien (z. B. Ebola) sind es zu Beginn gerade Einrichtungen der Gesund­heits­ver­sorg­ung, die als Ausbreitungsort in Fra­ge kommen *²³⁷. Die Patienten wenden sich an diese Institutionen und führ­en dort zu einer hohen Belastung, die meisten Institutionen sind jedoch noch nicht vorbereitet, es fehlen Schutzmaterialien, und durch Infektion (und Ausfall) von Mitarbeitern kommt es zu einer galoppierenden Dysfunktionalität die­ser Einrichtungen *²³⁸. Die damit in Zusammenhang stehenden Ein­drücke sind für die öffentliche Re­zept­ion der Epidemie von tragender Be­deutung *²³⁹.” [S.1]

Epidemiologische Häufigkeitsmaße, die Eigenschaften der Test­ver­fahr­en und Kennzahlen für die Dynamik der Epi­de­mie­ent­wick­lung bilden die Grundlage für jegliche präventive Strategie *²⁴⁰. In diesem Zusammenhang muss es als ein schwer­wieg­en­des Versäumnis bezeichnet werden, dass in Deutschland nicht bereits Anfang März mit einer zufallsgesteuerten Ko­hort­enstudie auf nationaler Ebene begonnen wurde *²⁴¹, obwohl bereits da­mals klar war, dass es eine hohe Rate asymptomatischer bzw. oligo­sympto­mat­ischer Verläufe gibt und man nur durch eine Kohorte in der Lage sein wird, ver­läss­liche Aussagen zur Häufigkeitsentwicklung zu machen. Statt­dessen wird bis heute die Häufigkeit der Infektion mit anlassbezogenen Test­sys­temen be­schrieb­en (Zahl täglicher Neuerkrankungen, kumulative Häufig­keit, ku­mu­lative Sterblichkeit etc.), bei denen es nicht möglich ist, den Test­um­fang als maß­geb­lichen Einflussfaktor auszuschließen *²⁴² (mehr Tes­te führen auch bei gleichbleibender Häufigkeit zu einem Anstieg der Zahlen). Dring­end zu for­dern wäre daher zumindest die Angabe der täglich durch­ge­führt­en Tests. Zu­sätz­lich sorgt die kumulative Darstellung für eine über­mäßige Dra­ma­tisierung, da auf diese Weise der Eindruck eines un­ab­änd­er­lich­en Anstiegs ver­mittelt wird […]

Im Zusammenhang hiermit muss die Bedeutung der PCR (das gängige Testverfahren) in der späten Krankheitsphase problematisiert werden, wenn die Symptome bereits abgeklungen sind und eine Immunität durch Antikörper bereits aufgebaut ist *²⁴³.” [S.2]

“Allerdings ist aufgrund des sog. Bayes’schen Theorems gerade bei der z. Zt. zu beobachtenden Abnahme der Infektionshäufigkeit in der Bevölkerung mit einer großen Zahl falsch-positiver Ergebnisse zu rechnen, soweit die Teste auch nur geringste Spezifitätsprobleme aufweisen *²⁴⁴. Die Folge wäre die ab­seh­bare Überlastung des ö­ffentlichen Gesundheitswesens durch sog. falsch-po­si­tive Ergebnisse, d. h. durch ein Ansprechen des Tests, obwohl keine Infektion vor­liegt. […] [Link von mir eingefügt]

Zur Covid-19-Infektion im Kindesalter lässt die umfangreiche, Outcome-be­zog­ene Literatur eine relativ sichere Aussage zu: Kinder werden seltener infiziert, sie werden seltener krank, die Letalität liegt nahe bei null, und sie geben die Infektion wahrscheinlich sogar seltener weiter *²⁴⁵. Wenngleich das klinische Bild von Covid-19 in der medizinischen Betreuung natürlich eng beobachtet wer­den muss, so steht der Ö­ffnung der Schulen und Betreuungseinrichtungen unter Beachtung entsprechender hygienischer Standards und unter wis­sen­schaft­licher Begleitung nichts im Wege. […]

Es sind bereits jetzt Unterschiede in der Bewältigung der Pandemie sicht­bar, die durch Erreger- oder Wirtseigenschaften kaum erklärbar erscheinen, son­dern die Gegebenheiten der lokalen und nationalen Konfiguration und Funk­tionsweise des jeweiligen Gesundheitssystems widerspiegeln *²⁴⁶. […]

Die Strategie der Abflachung (mitigation) durch allgemeine, universell an­ge­wandte Präventionsmaßnahmen (social distancing etc.): Diese Maß­nahm­en wei­sen das Paradoxon auf, dass sie umso länger andauern müs­sen, umso erfolgreicher sie sind, da sonst eine „zweite Welle“ befürchtet wird *²⁴⁷. We­gen dieser Problematik besteht die unausgesprochene Ten­denz, die mi­ti­ga­tion in eine Strategie der Eradikation (suppression) [=zum Verschwinden bringen] zu über­führ­en; die­se Strategie zeichnet sich in Deutschland derzeit ab *²⁴⁸.” [S.3]

Es muss jedoch stark bezweifelt werden, dass eine Eradikation in einer hoch­gradig (auch international) vernetzten Gesellschaft wirklich um­setz­bar ist, ohne die Freiheit der Person und die Grundrechte dauerhaft ein­zu­schränken *²⁴⁹. […]

Die Autoren schlagen daher ein spezifisches Präventionskonzept vor, das als „drit­ter Weg“ auf der Strategie der Abflachung basiert, diese jedoch nicht in eine Era­dikation überführt, sondern durch spezifische Präventions- und Schutz­maß­nahm­en für die Bevölkerungsgruppen (und Institutionen) mit dem größten Ri­si­ko er­gänzt […].

Die mitigation-Strategie mit universellen Präventionsmaßnahmen weist jedoch nicht nur Defizite hinsichtlich der fast zwangsläufigen Über­führ­ung in ein Eradikationskonzept und der daran zu knüpfenden Fragen zur Mach­barkeit massive Defizite auf, sondern es bestehen auch schwer­wieg­en­de Zweifel an dessen Wirksamkeit *²⁵⁰. […] Die Inhomo­geni­tät des Vor­geh­ens im internationalen Vergleich z. B. zwischen Ländern der EU sollte eigentlich die Beobachtung von Unterschieden zulassen, die auf einzelne Komponenten des Lockdown zurückzuführen wären, dies lässt sich je­doch nicht feststellen *²⁵⁰.” [S.4]

Der zweite Teil des Textes ist wegen des Schwerpunktes Verfassungsrecht unten in Kapitel 3 zu finden.

2.6 Die neuen Erkenntnisse und der Wissensstand im August 2020:

  • SARS-CoV-2/Covid-19 stellt eine typische Infektionskrankheit dar *²³⁶, bei der es zu Epidemie-Beginn in Einrichtungen der Gesundheitsversorgung zu Krankheits-Ausbrüchen kam *²³⁷, die nahezu Zusammenbrüche dieser Einrichtungen zur Folge hatten *²³⁸, und deren mediale Darstellung für die öffentliche Rezeption der Epidemie von erheblicher Bedeutung sind *²³⁹.
  • Epidemiologische Werte, die Test-Eigenschaften und Kennzahlen für die Dynamik der Epidemieentwicklung bilden die Grundlage für jegliche Stra­te­gie *²⁴⁰. Daher ist es ein schwerwiegendes Versäumnis, dass in Deutsch­land nicht bereits Anfang März mit einer zufallsgesteuerten Ko­hort­en­stu­die auf nationaler Ebene begonnen wurde *²⁴¹, denn bei an­lass­bezogen­en Testungen ist es nicht möglich, den Testumfang als maß­geb­lichen Ein­fluss­faktor auszuschließen *²⁴².
  • Weiter ist problematisch, daß der PCR-Test anschlägt, auch wenn bereits Immunität aufgebaut ist *²⁴³. Sofern die Tests auch nur geringste Spe­zi­fi­tätsprobleme aufweisen, ist mit einer großen Zahl falsch-positiver Er­geb­nisse zu rechnen *²⁴⁴.
  • Kinder werden seltener infiziert, seltener krank, die Letalität liegt nahe bei null, und sie geben die Infektion seltener weiter *²⁴⁵.
  • Es sind Unterschiede in der Bewältigung der Pandemie sichtbar, die durch Erreger- oder Wirtseigenschaften nicht mehr erklärbar sind. Die Unter­schie­de spiegeln das jeweilige Gesundheitssystem wider *²⁴⁶.
  • Die Corona-Maßnahmen weisen das Paradoxon auf, dass sie umso länger andauern müssen, umso erfolgreicher sie sind, da sonst eine „zweite Wel­le“ befürchtet wird. *²⁴⁷. Wegen dieser Problematik besteht die un­aus­ge­sprochene Tendenz, die mitigation in eine Strategie der Era­di­ka­tion (sup­pression) zu überführen; diese Strategie zeichnet sich in Deutsch­land der­zeit ab *²⁴⁸.
  • Es muss jedoch stark bezweifelt werden, dass eine Eradikation in einer hoch­gradig vernetzten Gesellschaft wirklich um­setz­bar ist, ohne die Frei­heit der Person und die Grundrechte dauerhaft ein­zu­schränken *²⁴⁹. Die mitigation-Strategie mit universellen Prä­vent­ions­maß­nahmen weist je­doch nicht nur Defizite hinsichtlich der fast zwangs­läuf­ig­en Überführung in ein Eradikationskonzept und der da­ran zu knüpf­end­en Fra­gen zur Mach­barkeit massive Defizite auf, son­dern es be­steh­en auch schwer­wieg­ende Zweifel an dessen Wirksamkeit *²⁵⁰.

3. Der Stand der verfassungsrechtlichen Bewertung der Maßnahmen

Die verfassungsrechtlichen Bewertungen erscheinen beginnend im März vor allem auf verfassungsblog.de, wo sich viele Verfassungsrechtler äuß­ern, die sowohl in den Thesenpapieren [Quelle ] oben, als auch in der unten zitierten (und vielen anderen) Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages zitiert werden.

Die Einschätzungen bleiben inhaltlich über Monate nahezu konstant:

erheblich pro­blem­atisch oder wohl verfassungswidrig

…lautet die Extremkurzfassung.

Die nachfolgenden drei Texte fasse ich nicht wie oben weiter zu Kernaussagen zusammen. Das sind bereits alles Kernaussagen.

Am 27. März veröffentlicht der Deutsche Ethikrat eine ‘Ad-hoc Empfehlung zur Corona-Krise[PDF]:

Neben den ethischen Erwägungen zu Triage-Entscheidungen steht dort:

“[Es empfiehlt sich eine] Strategie mit einem weitreichenden ab­schirm­end­en Schutz vulnerabler Gruppen […]

[Dann muss] darüber nachgedacht werden, in welchem Ausmaß und wie lange die Gesellschaft erhebliche Einschränkungen ihres Alltagslebens verkraften kann. Zu klären ist, welche Maßnahmen in welchem Umfang und von welcher Dauer aus sozialer (rechtlicher, ökonomischer, politischer) und medizinischer Pers­pek­tive angemessen und auf längere Sicht ver­tret­bar sind. […]

[Bereits zu Beginn der Maßnahmen] geht es um die Frage, unter welchen Be­ding­ungen von einem wieder akzeptablen Risikolevel als zwar notwendig un­bestimm­tem, aber gleichwohl gesellschaftlich nach­voll­zieh­barem „all­ge­mein­en Lebens­ri­si­ko“ ausgegangen werden kann. Ein solches Vorgehen setzt sinn­vol­ler­wei­se auf kla­re zeitliche und sachliche Etappenziele, um gegen­über der jetzigen Be­schränk­ungs­strategie Öf­fnungs­perspektiven zu bieten. […]

Die anstehenden Entscheidungen [können und dürfen] nicht allein auf (natur-) wissenschaftlicher Basis erfolgen. […] Es widerspräche auch dem Grund­ge­dank­en demokratischer Legitimation, würden politische Ent­scheid­ung­en umfassend an die Wissenschaft delegiert. […] Denn wis­sen­schaft­liche Er­kennt­nis­se geben keine hinreichende Auskunft über die Art und Weise ihrer An­wend­ung. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. […]

Auch in Katastrophenzeiten hat der Staat die Fundamente der Rechts­ord­nung zu sich­ern. Weniger noch als selbst zahlreiche tragische Ent­scheid­ung­en in Lebens- und Sterbensnotfällen könnten Staat und Ge­sell­schaft eine Erosion dieser Fun­da­mente ertragen. […] Solche Ab­wäg­ung­en, die immer auch Nütz­lich­keits­er­wäg­ungen einschließen, sind ethisch einerseits un­ab­ding­bar, an­de­rer­seits nur in­so­fern zulässig, als sie keine Grund- und Menschenrechte oder weit­ere fun­­da­men­t­ale Güter auf Dauer aushöhlen oder sogar zerstören. Auch der gebotene Schutz mensch­lichen Lebens gilt nicht absolut. Ihm dürfen nicht alle an­deren Freiheits- und Parti­zi­pa­tions­rechte sowie Wirtschafts-, Sozial- und Kul­tur­rechte be­ding­ungs­los nach- bzw. untergeordnet werden. Ein all­ge­mein­es Le­bens­risiko ist von je­dem zu akzeptieren. […] In normativer Hinsicht wird damit zum Ausdruck gebracht, dass jede Grundrechtseinschränkung zu je­dem Zeit­punkt recht­fertigungs­bedürftig ist. […]

Zu betonen ist, dass die ge­nan­nten so­zial­psychologischen Aspekte durchaus auch Einfluss haben auf die nor­ma­tive Be­wert­ung der Angemessenheit bzw. Zu­mut­bar­keit von Frei­heits­be­schränk­ungen. […] Auf längere Sicht ist es selbst für eine gefestigte De­mo­kra­tie pro­blem­atisch, in ein­em Zustand zu verhar­ren, in dem ins­be­sondere die gerade als Kor­rektiv und Im­pulsgeber für die de­mo­kra­tisch­en Prozesse ge­dacht­en Grund­rechts­garantien weit­gehend außer Kraft gesetzt sind, […]

[…Überwiegen] gesundheitliche, wirtschaftliche und psychosoziale Schä­den […] endet die Legitimität der Strategie.

[…Solche ] Überlegungen bedürfen der ernsthaften gesellschaftlichen Debatte auch schon in Zeiten der Krise. Dabei wird auch zu erörtern sein, welche Le­bens­risiken eine Gesellschaft als akzeptabel einzustufen gewillt ist und wel­che nicht.”

Das ifo-Institut veröffentlicht kurz darauf am 02. April ‘Die Bekämpfung der Co­ro­na­virus-Pandemie tragfähig gestalten[PDF]:

“Dabei müssen wir die virologisch-medizinische Betrachtung der Pan­de­mie um andere Perspektiven erweitern, was insbesondere bedeutet, auch die Kosten und Kollateralschäden in den Blick zu nehmen, die der derzeitige weitgehende Still­stand des öffentlichen Lebens mit sich bringt. Der damit ver­bund­ene Schaden geht weit über bloße Wirtschafts- und Wohl­stands­ein­bußen hinaus. In Rechnung zu stellen sind vor allem die großen sozialen, medizinischen und politischen Kos­ten, die ein längerer Shutdown mit sich bringt. “ [S. 2]

“Insbesondere ist derzeit nicht zu klären, welche der vielen Maßnahmen wel­ch­en kausalen Anteil an einem Erfolg haben werden.” [S. 3]

“Wenn wir davon ausgehen würden, dass es keine sehr hohe Dunkelziffer gibt und dass ca. 70% der Bevölkerung die Erkrankung durchgemacht haben müssen […] und wenn wir schließlich die gesamte derzeitige Kapazität an Intensivbetten (ca. 30.000) allein für COVID-19-Patienten für jeweils eine Woche reservierten (was kaum realistisch ist), dann würde unser Ge­sund­heits­system ca. 600.000 neu In­fi­zier­te pro Woche verkraften können. Das würde für eine 70% Immunität in der Bevölkerung zwei Jahre be­deut­en. […]

Mittlerweile sind Großbritannien und die Niederlande […von der] Strategie ab­ge­rückt, [die Ausbreitung des Virus zuzulassen, um so eine natürlich er­worb­ene Immunität entstehen zu lassen] während Schweden sie weiterhin ver­folgt. Diese Entwicklung gilt es sorgsam zu beobachten und daraus Schlüsse zu ziehen. […]

“Der [aus den Maßnahmen] resultierende medizinische Schaden ist schwer zu quantifizieren, wird aber wahrscheinlich mit zunehmender Dauer expo­nent­iell wachsen und zu erheblich steigender Morbidität und Mortalität führen.” — S. 4

“[Auch] würde eine einseitige Bevorzugung der COVID-19-Patienten im Ge­sund­heitssystem […] die Versorgung von Patienten mit allen anderen Er­krank­ungen wie Krebs, Herz-Kreislauf- oder Autoimmunerkrankungen etc. entsprechend ver­schlechtern. […]

“Die Kosten liegen bei einem einmonatigen Shutdown und danach schritt­weiser Erholung der Wirtschaft zwischen 4,3 und 7,5 Prozent des BIP (ca. 150–260 Mrd. Euro). Die Verlängerung um eine Woche würde die Kosten um 0,7–1,6 Pro­zent des BIP (25–57 Mrd. Euro) steigern. Bei einem drei­mo­nat­igen Shutdown würden die Kosten zwischen 10 und 20,6 Prozent des BIP liegen (354–729 Mrd. Euro).” [S. 5]

“Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit haben darüber hinaus massive ge­sund­heit­liche und soziale Kosten in Form vermehrter physischer und psych­isch­er Er­krankungen und verkürzter Lebenserwartung.” [S. 6]

[Den medizinischen Teil lasse ich aus, dieser ist in dem Thesenpapier, Quelle , besser beschrieben]

“Dabei wäre es zu kurz gegriffen, wenn man hier allein der Logik eines max­im­al­en Infektionsschutzes folgen wollte. Vielmehr sind für die Ge­samt­ab­wäg­ung neben den massiven Grundrechtseinschränkungen selbst vor allem auch mit­tel­bare Auswirkungen der Verbotsmaßnahmen sowie deren nicht-in­tend­ierte Ne­ben­folgen zu berücksichtigen. […] Entscheidend ist allein, dass man eine sol­che Ge­samt­betrachtung vornimmt und nicht den seuch­en­poli­zei­lichen Impera­tiv ab­solut setzt.” [S. 20]

Die bislang ergriffenen Maßnahmen sind überwiegend eher pauschal, un­dif­fer­enz­iert und wenig punktgenau ausgefallen. So stellt sich die Fra­ge, ob die in dies­em Papier vorgeschlagene Differenzierung nach Sektoren, Personen und Re­gionen womöglich eine unzulässige Ungleichbehandlung und damit einen Ver­stoß gegen das Gleichheitsgebot des Art. 3 Abs. 1 Grundgesetz darstellt. Die Ant­wort fällt ein­deutig negativ aus. Denn Differenzierung ist nicht nur das Ge­bot der Stunde, son­dern auch die von Verfassung wegen gebotene Antwort.” [S. 21]

“Es ist eine vielfältige Expertise aus Wissenschaft und aus den relevanten ge­sell­schaftlichen Bereichen erforderlich. Dazu gehört etwa die Expertise der In­fekt­iol­ogie, Epidemiologie, Intensivmedizin, Wirt­schafts­wis­sen­schaft­en, Rechts­­wis­­sen­schaft­en (insbesondere Verfassungsrecht), Technik­wis­sen­schaft­en, Informatik, So­zio­logie, Psychologie, Ethik und Sozial­arbeit.” [S.24]

Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags folgt — ohne große Öf­fentlichkeit — am 08. April mit der Ausarbeitung zu Kon­takt­be­schränk­ung­en zwecks In­fektions­schutz [PDF, Quelle ]:

“Es stellt sich die Frage, ob die in solchen Verordnungen enthaltenen wesent­lich­en Ge- und Verbote mit dem Grundgesetz vereinbar sind […]” [ S. 5 oben]

Insgesamt spricht die Rechtsprechung daher von „massiven Eingriffen“ und kommt zu der Feststellung, „dass die in der Hauptsache angegriffenen Nor­men außerordentlich weitreichende […] Einschränkungen der Frei­heits­rechte sämt­licher Menschen begründet. […]” [S.14 oben]

Es wäre fatal, wenn wir wegen offensichtlicher Mängel in der Res­sourc­en­be­schaf­fung länger auf extreme Eingriffe in die Freiheit aller an­ge­wies­en sein sol­lten und den Menschen keine anderen Mittel anbieten kön­nten, die we­nig­er tief in ihre Freiheit einschneiden. Da sehe ich eine ver­meid­bare Gefahr der Ero­sion des Rechts­staats.“ & „Das geht im Moment nicht anders, kann aber nicht auf Dauer gelten. Es muss alles getan werden, um Art und Ausmaß der Gefahren genauer einzugrenzen. Politik und Ver­walt­ung müssen immer wieder prüfen, ob es we­ni­ger einschneidende Maßnahmen gibt. Auf Dauer kann man eine solche fläch­en­deck­ende Be­schränk­ung nicht hin­nehm­en. Das muss befristet sein.“ [zitiert wird an zwei Stellen der ehe­mal­ige Präsident des Bundes­ver­fas­sungs­ge­richts Hans Jürgen Papier in einem Interview mit der SZ vom 01.04.20] [ S.19 unten & S.24 unten]

“Insgesamt ist die Erforderlichkeit der Kontaktbeschränkungen durchaus um­stritt­en. So weist [der] Verfassungsrechtler [Dietrich Murswieck] auf Folg­endes hin:

Wenn alte und vorbelastete Menschen isoliert werden, können sie wirk­sam geschützt werden, ohne alle anderen Menschen ebenfalls zu iso­lier­en. Es wä­re noch nicht einmal notwendig, sie in die Quarantäne zu zwingen. […] Sie gefährden nur sich selbst, wenn sie sich durch soziale Kon­takte dem In­fekt­ions­risiko aussetzen. Deshalb würde es ausreichen, dass man ihnen eine freiwillige Qua­ra­ntäne empfiehlt und ihnen Hilfen anbietet, die Quarantäne durch­zuhalten, […] Gezielte Maßnahmen zum Schutz der Risikogruppen biet­en sich somit als freiheitsschonende Mittel an, die die Betroffenen nicht we­niger, viel­leicht sogar besser schützen, als die Inpflichtnahme der ge­samt­en Be­völ­ker­ung.“ & “Auch die Ver­hält­nis­mäß­ig­keit hat eine zeitliche Dimension. Frei­heits­ein­schränk­ung­en können verhältnismäßig sein, wenn sie nur kurze Zeit dauern. Je länger sie dauern und je größer die Schäden, die durch sie ver­ursacht wer­den, desto größer ist die Recht­fert­ig­ungs­last für den Staat, der sie anordnet. Die Schäden des Shutdowns werden mit jedem Tag größer.” & “Vergleicht man die potentielle Zahl der Corona-Toten mit den Zahlen der Grippe-Toten oder [and­eren], die der Staat hinnimmt, ohne einzugreifen, dann fragt man sich, wa­rum gerade zur Abwehr von Coronainfektionen volks­wirt­schaft­liche Schäden in Kauf genommen werden sollen, die zum öko­no­misch­en Kol­laps führen […], warum hier […] Freiheiten blockiert wer­den in einem Maße, das man zur Ab­wehr anderer Risiken nicht im ent­fernt­esten kennt. Das müsste die Politik be­gründ­en, weil Frei­heits­ein­schränk­ungen be­gründ­ungs­be­dürft­ig sind. Aber sie liefert die Begründ­ung nicht, und sie kann sie nicht liefern.“ [zitiert wird D. Murswieck auf Tichys Einblick vom 31.03.2020 ] — [S.22 oben & S.25 oben & S.30 oben]

“Allein die auf wesentliche Grundrechte und Eingriffe beschränkte Prüfung ergibt Eingriffe in 17 verschiedene Freiheitsrechte. Die Vielzahl der durch die Aus­gangs­sper­ren eingeschränkten Grundrechte und die Viel­zahl der hiervon be­trof­fenen Bürger könnte ein Ab­wäg­ungs­krit­er­ium sein. […]

Ausgeblendet wer­den vor allem alle nichtvirologischen Wirkungen des Shut­downs: die Bild­ungs­verluste bei Schülern und Studenten, die immensen öko­nomischen Schäd­en, die Gefährdung der Existenzgrundlagen Hund­ert­taus­en­der Klein­unter­nehm­er, die ge­sund­heit­lich­en Folgen des Bewegungs- und Licht­mang­els infolge von Home­of­fice und Aus­gangsbeschränkungen, die Ver­luste an So­zial­kon­takt­en, die Dra­men, die sich aus dem permanenten Zu­sam­men­leben auf engstem Raum in den Haus­halt­en ent­wick­eln werden. Aus­ge­blendet sind auch die Aus­wirk­ungen auf politische Teil­habe­rechte, auf demokratische Öf­fent­­lich­keit, auf all das, was das Bund­es­ver­fas­sungs­ge­richt als notwendige Be­ding­ung der Demokratie her­vor­ge­hoben hat.” [S.29 unten]

“ „Natürlich wird mittelfristig viel dafürsprechen, nach Risikogruppen zu dif­fer­enz­ieren und denjenigen Personengruppen, die durch das Corona-Virus be­sonders ge­fährdet sind, mehr an eigener Freiheitsbeschränkung ab­zu­ver­lang­en als den an­deren. […] Unabhängig von der Dauer der Maß­nahm­en ist frag­lich, ob die Summe der Ge- und Verbote den Bürg­ern nicht das „so­zio­kult­ur­elle Ex­ist­enz­minimum“ nimmt und in­so­weit gegen die Men­schen­würde verstößt. [S. 38 mitte]

“Überhaupt ist der derzeit verbreiteten Vorstellung entgegenzutreten, dass bei den notwendigen Abwägungsentscheidungen Gesundheit und Leb­en apri­or­isch höherrangig sind als andere Verfassungsgüter. Auch wenn es schwer­fällt: Das Grundrecht auf Leben und körperliche Un­ver­sehrt­­heit (Art. 2 Abs. 2 S. 1 GG) steht unter einem einfachen Ge­setz­es­vor­­be­halt.“ [zitiert wird Thorsten Kingreen auf verfassungsblog.de vom 20.03.2020 ] [S.41 mitte]

Einige der Kontaktbeschränkungen dürften hiernach erheblich pro­blem­atisch oder wohl verfassungswidrig sein.” [S.42 oben]

Das oben in Kapitel 2 bereits zitierte Thesenpapier 3.0 [PDF, Quelle ⁶-³] vom Institut für Medizinsoziologie, Versorgungs­forsch­ung und Rehabili­tations­wissenschaft — IMVR der Universität Köln führt am 05. August aus:

“Das am 28. 3. 2020 in Kraft getretene, im Eilverfahren verabschiedete […] er­weiterte Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von na­tionaler Tragweite, [hat] zu einer erheblichen Veränderung des bisher geltenden IfSG geführt […].

[Es ist] von eminenter politischer und verfassungsrechtlicher Bedeutung, dass die Neufassung des Infektionsschutzgesetzes die Gewichte zwischen Legislative und Exekutive verschiebt. Diese Verschiebung stößt auf er­heb­liche juristische Bedenken und demokratietheoretische Zweifel […]

Spätestens hier halten selbst wohlwollende Rechtswissenschaftler die Grenz­en des Artikel 80 Abs.1 Satz 2 GG hinsichtlich der Bestimmung von Inhalt, Zweck und Ausmaß für überschritten. Aber auch für alle anderen Ermächtigungsnormen gilt, dass sie mit äußerster Zurückhaltung aus­zu­legen und anzuwenden sind, vor allem wenn und soweit sie in Grund­rech­te eingreifen. […]

Gerade in Krisenzeiten haben die Bürgerinnen und Bürger […] einen An­spruch darauf, dass der Staat in allen Fragen […] penibel alle Formen wahrt sowie Kritik demokratisch aufnimmt und nicht mit Illoyalität ver­wechs­elt. „Der Notfall, den es zu bekämpfen gilt, bedarf der Überprüfung; die Maßnahmen, die er rechtfertigen soll, umso mehr“ . „Beispiellose Freiheitseingri­ffe bedürfen beispielloser Transparenz“. […]

Je länger Regelungen, insbesondere solche mit Grundrechtseinschränkungen, schon in Kraft sind, umso stärker wirkt die Verpflichtung zur kontinuierlichen Über­prüfung ihrer Grundrechtsvereinbarkeit. Zu prüfen sind folgende Vor­aus­setz­ungen: Gibt es einen verfassungslegitimen Zweck und sind die Eig­nung, Er­forderlichkeit und Angemessenheit = Verhältnismäßigkeit im eng­er­en Sinne ge­ge­ben? Die Beschränkungen individueller Freiheiten sind mit dem er­wart­eten Nutzen der getro­ffenen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pan­de­mie in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen.” [S. 6]

Selbst wenn eine Maßnahme von vornherein zeitlich befristet ist, besteht eine Pflicht zur regelmäßigen Evaluierung, insbesondere im Hinblick auf die Erforderlichkeit und die Angemessenheit. Sollte sich die Unverhältnismäßigkeit ein­zelner Regelungen herausstellen, sind diese isoliert unverzüglich auch vor Ab­lauf des Geltungszeitraums eines Gesamtpakets aufzuheben. Schließlich be­steht auch Einigkeit, dass viele der von Bund und Ländern erlassenen Rechts­akte er­hebliche Eingriff­e in wesentliche Freiheitsrechte der Menschen in Deutsch­land bedeuten. […]

In diesem Zusammenhang ist zu prüfen, wann spezifische Prä­vent­ions­maß­nahm­en für besonders gefährdete Risikogruppen allge­meine Gebote und Verbote ab­mild­ern oder ersetzen können. Vor allem aber ist mit zu­nehmender Dauer der Freiheitsbeschränkungen immer wieder zu prüfen, ob diese nicht außer Ver­hält­nis zum verfolgten Zweck stehen. Das Grundrecht auf Le­ben und körperliche Un­versehrtheit begründet sicher besondere Schutzpflichten des Staates, ist aber nicht per se anderen Grundrechten übergeordnet. Vor allem ist es nicht zulässig, Leben gegen Leben aufzurechnen und abzuwägen.” [S. 7]

“Aus dem Schutz der Menschenwürde, dem Grundprinzip der Verfassung nach Art. 1 Abs. 1 S. 1 GG, leitet das BVerfG die Voraussetzung ab, dass der Mensch in seiner fragilen und individuellen und sozialen Existenz über sich nach eig­en­en Maßstäben verfügen kann und nicht in Lebensformen gedrängt wer­den darf, die in einem unauflösbaren Widerspruch zum eigenen Selbst­bild und Selbstverständnis stehen. Der Mensch darf dabei nicht zu einem Objekt staatlichen Handels herabgewürdigt werden. Einige der ergri­ffenen Maß­nahmen, speziell deren noch weitgehend unerforsch­te gesundheitliche und so­ziale Wirkungen, bergen zumindest ein solch­es Potenzial.” [S. 8]

Und nun?

Die Politik wird weiter unbeirrt so handeln wie bisher, vermute ich.

Ich gieße die Erkenntnisse aus diesem Artikel in den Teil 5 meiner Vorbereitung der Verfassungsbeschwerde. [Link folgt]

Der ganz aufmerksame Leser fragt sich: und was ist mit dem Logo mitte unten auf dem Titelbild? Danke der Nachfrage! Es ist eben doch keine nur typisch deutsche Spinnerei, sich um Grund- und Menschenrechte Sorgen zu machen.

Danke für die Aufmerksamkeit

Unglaublich. Da ist dieser Artikel ein paar Tage fertig, und gleich mehr­ere wichtige Quellen erfahren ein wesentliches Update oder eine Über­arbeit­ung oder erscheinen neu:

Ich denke, aus Platz- und Zeitgründen sollte ich diese hier gar nicht mehr einfügen, sondern gleich einen Teil 2 schreiben…

Aufgrund ihrer inhaltlichen Wichtigkeit hier nochmal die wesentlichen

Quellen in diesem Artikel:

¹ Guide to public health measures to reduce the impact of influenza pan­de­mics in Europe [PDF] vom Juni 2009 vom European Centre for Disease Prevention and Control

² Nationaler Pandemieplan [PDF] für Deutschland aus 2017, erstellt vom Robert-Koch-Instititut, sowie die Ergänzung vom 04.03.2020 [PDF]

³ Studie zu nicht-pharmazeutische Maßnahmen der Öffentlichen Gesundheit zur Bekämpfung von Pandemien [PDF] mit Übersichtenanhang [PDF] vom Oktober 2019 von der World Health Organization

WD 079/2020 Ausarbeitung Kontaktbeschränkungen zwecks In­fektions­schutz: Grundrechte [PDF] des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundes­tages (Suchfilter: ‘Verfassung, Verwaltung’ & ‘Ausarbeitung’ & Datum 08.04.2020)

Stellungnahme des Netzwerks Evidenzbasierte Medizin vom 15.04.2020

Thesenpapier zur Pandemie durch SARS-CoV-2/Covid-19 — Version 1.0 vom 05.04.2020 ⁶-¹ [PDF], Version 2.0 vom 03.05.2020 ⁶-² [PDF] zu finden beim Institut für Medizinsoziologie, Versorgungs­forsch­ung und Rehabili­tations­wis­senschaft — IMVR der Universität Köln sowie Version 3.0 vom 05.08.2020 ⁶-³ [PDF] zu finden auf SpringerLink.com und der zu dieser Reihe gehörende Artikel Eine erste Bilanz vom 08.07.2020 ⁶-⁴ [PDF] zu finden beim Monitor Ver­sorg­ungs­forsch­ung

‘COVID-19: high risks, high prevalence, high-level evidence, and high-stake decisions’ webinar vom 22.06.2020 der Standford University mit Dr. John Ioannidis (Aufzeichnung verfügbar z.B. hier auf youtube.com)

SARS-CoV-2-reactive T cells in healthy donors and patients with COVID-19’ [PDF] Studie vom 09.04., veröffentlicht am 29.07.2020 auf nature.com

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